Filigrane Formen
aus Riesenhand

© Günter Schulz Feuerungsbau

Ein Beitrag von Micaela Seiferth-Wilde

Feuerungsbau braucht Ziegel, Mörtel und Handarbeit. In einer Balgstädter Firma ist der beste Helfer ein tonnenschweres, digitales Monster.

Mit modernster 5-Achs-Technologie kann die Fräse selbst filigrane Steinformen und Strukturen herausarbeiten. © Günter Schulz Feuerungsbau

Erst zischt es leise, dann faucht es laut, am Ende kreischt es markerschütternd: Die CNC-Maschine in der Werkhalle des Unternehmens Günter Schulz Feuerungsbau in Balgstädt lässt lange, bevor man sie sieht, hören, was sie kann: präzise fräsen und sägen samt vollautomatischem Werkzeugwechsel.

Mehr als sechs Meter breit, viereinhalb Meter hoch und elf Tonnen schwer ist die Thibaut T958 oder auch der Michelangelo unter den Maschinen. Denn wie der Renaissance-Künstler kann das Riesengerät filigrane Formen aus einem Steinblock herausarbeiten. So beschreibt es der MDR in einer TV-Sendung. „Das stimmt“, sagt die Leiterin Online- und Unternehmensmarketing, Katharina Strauchmann, und zeigt auf ein Anschauungsobjekt vom letzten Tag der offenen Tür: eine tellergroße Steinplatte mit den Motiven der Himmelsscheibe von Nebra. Sonne, Mond und Sterne sind in makellosen Rundungen, Zacken und feinsten Linien in den sandfarbenen Stein hineingefräst.

Holger Schulz schmunzelt. Der Diplom-Bauingenieur, Sohn des Firmengründers Günter Schulz und heutiger Geschäftsführer, war von Anfang an überzeugt, dass die CNC die richtige Investition ist. „In der Coronazeit haben wir darüber nachgedacht, unsere Produktion zu digitalisieren“, erzählt er. Anlass waren die steigenden Wünsche der Glas-, Keramik-, Stahl- und Automobilindustrie nach maßgeschneiderten feuerfesten Formsteinen und kürzeren Lieferzeiten. Bis dahin mussten Formen aufwendig gebaut und ausgegossen werden. Die Lieferzeiten lagen zwischen 10 und 20 Wochen. Für ungeplante Reparaturen und Havarien ein großes Problem: Stillstand ist teuer.

Ob maßgeschneiderter Verschlussstein aus Zirkon oder Portalschmuckelement für einen Steinmetz – mit der CNC-Maschine lassen sich fast alle Steinarten bearbeiten. © Günter Schulz Feuerungsbau

Vom Zweifel zur digitalen Lösung

Wie also lassen sich individuelle Formen schneller herstellen? Als Schulz das Thema Digitalisierung und CNC im Team ansprach, blickte er zunächst in Gesichter, die sagten: „Du spinnst!“ Doch die Skepsis wandelte sich schnell in Interesse, als klar wurde, wie präzise und effizient sich mit der Maschine produzieren lässt – noch dazu im Verbund mit einem Online-Shop und einem 3D-Konfigurator.

So investierte das Unternehmen 2023 und 2024 eigenes Kapital und Landesfördermittel in eine neue Werkhalle und – als erster Feuerungs- und Schornsteinbauer Deutschlands – in eine CNC-gesteuerte 5-Achs-Fräse. Über den unternehmenseigenen schuba-shop.com können Kunden seitdem Bauteile online entwerfen. Die Daten werden direkt in maschinenlesbare Modelle übersetzt. Komplexe Geometrien entstehen in wenigen Stunden, die Lieferzeiten sanken auf zwei Tage. Auch die Kommunikationswege wurden kürzer.

Was 1989 als Dreimannbetrieb begann, ist heute ein weltweit tätiger Spezialist für Feuerfest- und Schornsteinbau, Spezialhochbau und Verschleißschutz mit 50 Mitarbeitenden. Kunden in mehr als 25 Ländern bauen auf die Leistungen des Unternehmens, darunter auch bei so manchem Projekt auf die Formsteine aus Balgstädt. Die Innovationskraft der Firma würdigte das Land Sachsen-Anhalt 2023 mit einer Auszeichnung im Wettbewerb „Digitale Erfolgsgeschichten“.

Ob maßgeschneidertes Feuerfestbauteil oder vorgefertigte Formen nach Lego-Prinzip: Die Thibaut kann nahezu jedes Gestein modellieren. „Wir haben im ersten Jahr alles getestet, was geht“, erzählt Schulz. Heute weiß das Team, dass die Fräse ein tonnenschweres trichterförmiges Feuerungsbauteil aus Zirkon für die Glasindustrie ebenso zehntelmillimetergenau fertigt wie Einzelstücke für einen Versuchsofen eines Fraunhofer-Instituts. Zugleich sammelte das Unternehmen wertvolles Wissen über Software, Werkzeuge und Bearbeitungsgeschwindigkeiten. Damit gilt es inzwischen als Vorreiter. „Immer öfter fragen Hersteller nach unseren Erfahrungen“, sagt Schulz.

Die Beschäftigten haben ihren digitalen Kollegen gut aufgenommen. „Sie wissen, dass die Technik sie nicht ersetzt, sondern ihre Möglichkeiten erweitert“, sagt Schulz und fügt an: „Viele kommen aus klassischen Handwerksberufen, arbeiten auf Baustellen, in Industrieanlagen oder auf Schornsteinen in großer Höhe. Dort zählen Erfahrung und Vertrauen. Im Schornsteinbau arbeitet meist ein Dreierteam: Einer sichert unten, zwei arbeiten in der Höhe. Heute gehören digitale Helfer selbstverständlich dazu, von der Webcam zur Maschinenüberwachung über das Tablet mit Firmen-App bis hin zu Drohnen für die Inspektion von Schornsteinen.“

Für die Zustandsüberwachung und Wartung von Industrieschornsteinen, Fassaden, Windkraftanlagen, Funkmasten, Industrieanlagen und schwer zugänglichen Bereichen setzt das Unternehmen Günter Schulz Feuerungsbau seit Jahren Drohnen ein. Alle Mitarbeiter des Unternehmens, die diese Drohnen steuern, haben vorher den Drohnenführerschein für unbemannte Luftfahrzeuge abgelegt. Die gesetzlich vorgeschriebene Prüfung wird auch „Kompetenznachweis für Fernpiloten“ genannt.

Beim Schornsteinbau und der -wartung darf man keine Höhenangst kennen. In Bayern ging es einmal bis zu 160 Meter hinauf. © Günter Schulz Feuerungsbau

Innovation
endet nicht
am Fräsvorgang

Digitalisierung spart Ressourcen wie Zeit, Energie und Menschenkraft. Doch damit nicht genug. Die CNC benötigt pro Produktionsstunde rund 7.000 Liter Wasser zur Werkzeugkühlung. „Also dachten wir über Wiederverwendung nach und installierten ein Regenwasserauffangsystem mit 170.000 Litern Fassungsvermögen“, sagt Schulz. Die Formsteinfertigung wird dadurch komplett versorgt, Abwasser fällt nicht mehr an. Für dieses Engagement erhielt das Unternehmen 2022 den Umweltpreis des Landes Sachsen-Anhalt. Die Urkunde hängt heute neben Auszeichnungen als „Unternehmen des Jahres“, „Top-Arbeitgeber“ und „Top-Ausbildungsbetrieb“.

In der Gemeinde Balgstädt arbeitet heute ein Global Player, der Aufträge aus aller Welt erhält. Die Digitalisierung hat neue Märkte erschlossen. Neben Industriekunden und Forschungseinrichtungen fragen auch Privatpersonen an, etwa für Gartenöfen. Ein Krematorium wollte wissen, ob kleine Schamotteherzen gefertigt werden könnten, die man bei der Kremierung beilegen kann.

So produziert die große Fräse nicht nur industrielle Bauteile. Mitunter entstehen auch Objekte mit emotionaler Bedeutung. Vielleicht erklärt das, warum ein Mitarbeiter auf die Frage, was er einmal zum Spaß fräsen würde, nicht von technischen Meisterwerken spricht, sondern von einer Eule für seinen Garten. Vielleicht deshalb, weil er zu Hause jederzeit sehen und anderen zeigen kann, was die Thibaut T958 alles vermag: selbst zarteste Federkonturen aus Stein herauszuarbeiten.

Und weil es für Holger Schulz und sein Team nichts gibt, was sich nicht verbessern ließe, steht bereits das nächste Projekt an: ein KI-Agent. Einen Namen hat der neue digitale Mitarbeiter noch nicht, seine Aufgaben sind dagegen schon bekannt: „Er soll die Kommunikation mit Kunden, die Pflege von Produkten im Online-Shop, die Materialbestellungen und die Auftragsdokumentation unterstützen“, sagt Schulz. Vielleicht wird der neue digitale Helfer einmal der nächste Michelangelo sein – diesmal einer unter den KI-Agenten.