Zweifeln? Nein. Ich mache einfach!
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Ein Beitrag von Micaela Seiferth-Wilde
Neue Projekte, neue Produkte, neue Verantwortung: Frank Schneider zögert nicht lange. Der Landwirt und Fleischermeister aus Müncheroda greift zu.
Das Futter für seine Schweine baut Frank Schneider selbst an. © Transmedial
Müncheroda ist ein verträumtes Dorf unweit der Weinstadt Freyburg an der Unstrut. Die Anfahrt ist beschaulich: Weinberge, Wald, Felder, Fluss. Zwischen Naumburg und Freyburg scheint es so, als gäbe es nur Landschaft mit Himmel. Kein Mensch, kaum ein Auto. Nur Stille.
In Müncheroda, Dorfstraße 4, geht es durch ein riesiges Hoftor und hinauf auf einen fast 100 Jahre alten Dreiseitenhof. Hier ist Bewegung. Hier lebt und arbeitet Frank Schneider. Mit seiner Frau Kristin, mehr als 100 Schweinen, 34 Hektar Ackerland, Maschinenhallen, Stroh- und Getreidelagern, Schlachthaus und Hofladen.
Der 39-Jährige empfängt Gäste mit festem Händedruck und einem Lächeln, das ungekünstelt wirkt – die Augen sind dabei. „Hallo, willkommen“, sagt er und bittet ins Haus. Wer ihm gegenübersitzt, merkt schnell: Dieser Mann erzählt gern. Und er arbeitet gern. Bei ihm scheint beides eng miteinander verbunden. Während viele Menschen ihre Arbeit als etwas beschreiben, das Kraft kostet, spricht Frank Schneider über seine, als schenke sie ihm welche.
Dabei gäbe es genügend Gründe, es anders zu sehen. Als Schneider 2011 den Familienbetrieb seines Großvaters übernimmt, ist er erst Anfang zwanzig. Er entscheidet sich dafür, etwas zu bewahren und zugleich auszubauen. Ein neues Schlachthaus entsteht. Es folgen die eigene Verarbeitung, ein Hofladen und die Direktvermarktung. Immer wieder kommen neue Ideen hinzu. Seit diesem Jahr organisiert Schneider sogar den traditionellen Rabenmarkt in Merseburg.
Frank Schneider ist Landwirt, Metzger und Händler aus Leidenschaft. © Transmedial
Probleme in Möglichkeiten verwandeln
Wer von außen auf diese Liste schaut, denkt schnell: Ganz schön viel. Wer Frank Schneider zuhört, bekommt einen anderen Eindruck. Nicht, weil er Risiken kleinredet, sondern weil er sie offenbar anders wahrnimmt. Andere würden von schlaflosen Nächten erzählen. Von Sorgen, Krediten oder Unsicherheit. Schneider spricht lieber darüber, was als Nächstes möglich ist. „Ich zweifle nie, ich mache einfach“, sagt er.
Natürlich geht in den mehr 15 Jahren seit der Übernahme nicht alles glatt. Natürlich funktioniert nicht jede Idee auf Anhieb. Aber aus Schneiders Mund hört sich selbst ein Problem eher wie die nächste Aufgabe an.
So war es auch nach Beginn des Ukraine-Krieges, als die Umsätze im Hofladen plötzlich einbrachen. „Ich weiß nicht, warum die Kunden auf einmal ausblieben, aber wir mussten handeln“, erzählt er. Kurzerhand schaffte er zwei Verkaufswagen an, belud sie mit Wurstgläsern und Knackwurst, die in der Region traditionell Bratwurst heißt, und fuhr auf Märkte und Feste. Gleichzeitig entwickelte er neue Produkte: Schweinehack-Pattys mit Feta und getrockneten Tomaten, Bankett-Salami, Corned Pork. Die nächsten Ideen warten schon.
Der Hof selbst erzählt viel über seinen Besitzer. Die Geschichte reicht bis 1930 zurück, als Schneiders Urgroßeltern ihn errichteten. Später führten die Großeltern den Betrieb weiter. Schon als Kind half Frank Schneider seinem Opa gern bei der Arbeit. Zwar machte er zunächst eine Ausbildung im Kfz-Handwerk, doch glücklich wurde er dort nicht. „Ich habe die Lehre gemacht, aber gemerkt, dass die Branche nichts für mich ist“, sagt er.
Also absolvierte er eine weitere Ausbildung, diesmal zum Landwirt in der Agrargenossenschaft Gleina. Ein Praktikum beim Großvater folgte, schließlich die Hofübernahme. Neben der täglichen Arbeit bildete er sich weiter und trägt heute die Titel Landwirtschaftsmeister und Fleischermeister.
Schweine sind übrigens superschlaue Tiere und keineswegs dumme Säue. © Transmedial
Arbeit und Leben sind eins
„Ich mache meine Dinge mit Leidenschaft“, sagt Schneider. Auf dem Hof wird das sichtbar. Das Futter wächst auf den eigenen Feldern. Die Schweine werden auf Stroh mit Auslauf gehalten, geschlachtet und zu traditionellen wie neuen Produkten verarbeitet. Fleisch und Wurst landen im Hofladen, wo die Kunden direkt mit den Menschen sprechen können, die sie hergestellt haben. Für Schneider und seine Frau Kristin, die als Justiziarin in der Kreisverwaltung arbeitet und auf dem Hof mithilft, ist das mehr als ein Geschäftsmodell. Ihnen ist der Kreislauf wichtig, das geschlossene System.
Wer Frank Schneider zuhört, gewinnt schnell den Eindruck, dass Arbeit und Leben für ihn keine Gegensätze sind. Der Hof ist Arbeitsplatz, Lebensmittelpunkt und Zukunftsprojekt zugleich. „Für mich ist das alles eins“, sagt er.
Je länger das Gespräch dauert, desto stärker entsteht der Eindruck, dass dieser Betrieb nicht trotz seiner Persönlichkeit gewachsen ist, sondern wegen ihr. Weil da jemand ist, der Möglichkeiten schneller sieht als Hindernisse. Jemand, der Verantwortung nicht automatisch für eine Bürde hält. Jemand, der sich mehr über das Gelingen einer Idee freut, als über ihr Risiko grübelt.
Deswegen probiert er als Fleischermeister immer wieder Neues aus und entwickelte mit Partnern etwa die Sole-Leberwurst oder denkt über eine weiße Bolognese-Pastasoße nach. Deswegen organisiert er mit einem Landwirtskollegen Musik-Events mit Genuss für junge Leute beim Freyburger Winzerfest. Deswegen scheint die Liste seiner Projekte nie abgeschlossen zu sein.
Draußen vor dem Fenster liegt Müncheroda still in der Landschaft. Drinnen sitzt einer, der ständig in Bewegung ist. Vielleicht ist genau das das Überraschende an diesem Ort: Dass man auf der Anfahrt glaubt, hier draußen sei die Welt stehen geblieben. Und dann einen Menschen trifft, der schon wieder unterwegs zum nächsten Projekt ist.
Alles traditionell hergestellt: von bodenständiger Leberwurst, Sülze mit viel Fleisch und wenig Gelee, gereifter Rotwurst bis hin zur Knackwurst, die in der Region Bratwurst heißt. © Transmedial