Vom Nobelpreis zur Fabrik
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Ein Beitrag von Steffen Höhne
In Bitterfeld-Wolfen hat der Biosprithersteller Verbio eine neue Raffinerie eröffnet, die aus Raps Chemikalien herstellt. Eine geniale Idee und ein hoher Ölpreis sind aktuell Garanten für Erfolg.
Die weltweit erste großtechnische Ethenolyseanlage auf Basis von Rapsmethylester steht bei Verbio in Bitterfeld-Wolfen © DPA
Die hohen Spritpreise bereiten Claus Sauter keine schlaflosen Nächte. Im Gegenteil: Die Turbulenzen am Ölmarkt führen dazu, dass der Biokraftstoffhersteller Verbio wettbewerbsfähiger wird. „Aktuell ist der bei uns produzierte Biodiesel günstiger als klassischer Diesel“, sagte der Verbio-Vorstandschef am Dienstag. Im großen Biodieselwerk im Chemiepark Bitterfeld-Wolfen (Kreis Anhalt-Bitterfeld) wird Raps aus ganz Ostdeutschland zu Biosprit verarbeitet. Dieser landet als Beimischung in den Tanks von Autos und Lkw.
Rapsöl allein in Motoren zu verbrennen, hält aber auch Sauter nicht für der Weisheit letzten Schluss. Seit Jahren ist sein Unternehmen daher bereits in der stofflichen Nutzung für die Chemie aktiv. Am Dienstag machte das Unternehmen nun einen weiteren großen Schritt in diese Richtung. Vor 200 Gästen wurde eine neue Bio-Raffinerie eingeweiht, die jährlich bis zu 60.000 Tonnen biobasierte Chemikalien herstellen kann. 100 Millionen Euro wurden laut Sauter in den vergangenen Jahren dafür investiert.
© Verbio
In einer Video-Botschaft brachte Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) das Konzept sehr schnell auf den Punkt: „Ihre Produkte werden nicht mit Erdöl hergestellt, sondern mit Biomasse wie Raps. Was für ein Knaller.“
Der Weg dahin, die Anlage und vor allem der Markt sind natürlich weitaus komplizierter. Die Grundlage legte der Wissenschaftler Richard R. Schrock, der für Arbeiten zur Olefin-Metathese 2005 den Nobelpreis für Chemie erhielt. Basierend auf diesen Forschungen arbeitet Verbio seit 2015 daran, durch die Aufspaltung von Rapsmethylester (Biodiesel) mittels spezieller Katalysatoren Produkte für die Chemie herzustellen. „Es ist etwas ganz Besonderes, heute zu sehen, wie unsere Forschung in die industrielle Anwendung überführt wird“, sagte Schrock.
Zunächst werden in den neuen Anlagen die biobasierten Spezialchemikalien 1-Decen und 9-Dame hergestellt. Diese Stoffe werden laut Andreas Kohl, der bei Verbio die Chemieaktivitäten verantwortet, unter anderem zur Produktion von Wasch- und Reinigungsmitteln, Schmierölen, Kosmetik oder für Duftstoffe benötigt. In der hochautomatisierten Anlage entstehen 50 neue Arbeitsplätze.
Verbio-Chef Claus Sauter steht vor der neuen Bio-Raffinerie im Chemiepark Bitterfeld-Wolfen © Höhne
Doch wie gut sie vom Markt angenommen werden, hängt wiederum vom Ölpreis ab. Durch den Irankrieg war der Ölpreis zuletzt auf über 100 Dollar je Fass gestiegen. Zu diesem Preis sind laut Sauter die biobasierten Chemikalien günstiger als klassisch hergestellte Chemikalien. Bei Preisen unter 80 US-Dollar je Fass sind Chemikalien auf fossiler Basis günstiger. Das ist auch ein wesentlicher Grund, warum sich biobasierte Chemikalien allen politischen Zielen zum Trotz bisher am Markt nur in geringerem Umfang durchgesetzt haben. „Wir müssen es ganz ehrlich sagen, wir gehen mit diesem Investment auch ein Risiko ein“, sagte Sauter. Es werde nach seiner Einschätzung einige Jahre dauern, bis sich die neuen Produkte im Markt etablieren.
Marktexperte Michael Carus vom Nova-Institut ist dennoch optimistisch: „Europa wird auf Dauer nicht über günstige fossile Rohstoffe mit anderen Weltregionen konkurrieren können. Unsere Chance liegt darin, neue Wertschöpfung auf Basis erneuerbaren Kohlenstoffs hier aufzubauen.“ Das sieht auch Nora Schmidt-Kesseler, Hauptgeschäftsführerin der Nordostchemie-Verbände, ähnlich: Mit Blick auf die Klimaschutzziele müsse auch die Chemie ihren CO2-Ausstoß senken, Biochemikalien spielten dabei eine wichtige Rolle. Sie erwartet in den kommenden Jahren deutlich mehr Investitionen in diesem Bereich und verweist auf die Inbetriebnahme der großen Bio-Raffinerie von UPM in der kommenden Woche in Leuna (Saalekreis). „Uns liegen noch weitere Anfragen von Unternehmen vor“, sagte die Verbandschefin. Nach MZ-Informationen soll es auch Interessenten geben, die in Bitterfeld-Wolfen Produkte von Verbio weiterverarbeiten wollen. Sauter äußert sich dazu nicht.
Durch die hohen Energiepreise in Deutschland steckt die Chemie hierzulande insgesamt in einer Krise. „Vor allem die Konzerne halten sich bei Investitionen und Innovationen aktuell zurück“, sagt Sauter. Er appelliert an die Chemieindustrie, die Potenziale der „erneuerbaren Moleküle zu nutzen“. Nach seinen Worten tragen auch die Verbraucher mit ihrer Kaufentscheidung dazu bei, „dass sich lokal hergestellte biobasierte Produkte im Markt durchsetzen“.
Verbio verzeichnet nach eigenen Angaben Anfragen aus ganz Europa sowie aus Nord- und Südamerika und Asien. Sauter rechnet zunächst damit, dass die Produktionsmenge bei 20.000 bis 30.000 Tonnen im Jahr liegt. „Wir sind in der Produktion flexibel.“ Das Börsenunternehmen mit Sitz in Zörbig (Anhalt-Bitterfeld) ist mit weltweit 1.400 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von zwei Milliarden Euro noch immer ein großer Mittelständler und wird von Gründer Sauter auch so geführt. Sollte die Nachfrage geringer als erwartet ausfallen, kann Verbio Biodiesel weiter als Kraftstoff verkaufen.