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Ein Beitrag von Julius Lukas

Wo einst Kupfer gefördert wurde, soll künftig Energie für Millionen Haushalte gespeichert werden: In Klostermansfeld beginnt der Bau von Europas größtem Batteriepark. Er soll der gesamten Region zum Aufschwung verhelfen.

©  Zelos

Schon der Weg zum Baufeld hat Symbolkraft. Die Strecke ist mit grobem Gestein geschottert. Frank Ochsner bückt sich und hebt einen handflächengroßen Brocken auf. „Das ist Abraum-Material“, sagt der Bürgermeister von Klostermansfeld (Kreis Mansfeld-Südharz) und streicht über die vom Grünspan hellleuchtende Oberfläche des Steins. „Da ist Kupfer drin“, sagt Ochsner. Und das ist kein Zufall. 

Denn geht man den Weg weiter, erhebt sich linker Hand eine mächtige Halde. „Hier war früher der Zirkelschacht, gleich da hinten stand der Förderturm“, erklärt Ochsner und zeigt eine kleine Einbiegung entlang. Mehrere Jahrzehnte wurde in 500 Metern Tiefe Kupfererz abgebaut, bis zu 2.000 Menschen gab die Anlage Arbeit. Von ihr übrig ist nur noch die Halde. „Vor 100 Jahren wurden die Schächte von der Mansfeld AG geschlossen.“

Seit 2020 Bürgermeister: Frank Ochsner vor dem Baufeld
© Lukas

15 Hektar
graubraune Erde

Wenn die Halde die Vergangenheit ist, dann liegt ihr genau gegenüber, auf der anderen Seite des Weges, die Zukunft. Frank Ochsner, der für die Wählergruppe Freiwillige Feuerwehr Klostermansfeld im Rathaus sitzt, dreht sich hinüber. Vor ihm erstreckt sich ein großes Feld. 15 Hektar graubraune Erde. „Hier entsteht unser Batteriepark“, sagt der Bürgermeister. „Wir wollen damit die Brücke schlagen vom Kupfererz unter Tage zur gespeicherten Energie für kommende Generationen.“

An diesem Mittwoch ist Spatenstich für das Vorhaben, das Klostermansfeld, aber auch die gesamte Region, das Mansfelder Land, enorm voranbringen könnte. Denn was da neben der Halde entsteht, ist der größte Batteriepark Europas. Projektentwickler Zelos Energy aus Berlin gibt eine Investitionssumme von mindestens 300 Millionen Euro an. Mehr als 100 Stromspeicher-Container sollen entstehen. Mit einer Kapazität von 5,7 Gigawattstunden könnte das Energiedepot 3,3 bis vier  Millionen Zwei-Personen-Haushalte für etwa fünf Stunden mit Strom versorgen. Das sind Dimensionen, die es auf dem Kontinent bisher sonst nirgendwo gibt.

Beinahe
wöchentliche Ideen

Für Frank Ochsner begann das Großvorhaben Ende 2022. In seinem Büro im Rathaus von Klostermansfeld holt der 51-Jährige einen dicken Aktenordner aus dem Schrank. „Da sind alle Vorhaben drin, die uns in den vergangenen Jahren von verschiedensten Projektentwicklern vorgestellt wurden“, erzählt er. Beinahe wöchentlich sei jemand zu seiner Sprechstunde gekommen. „Viele Ideen zerschlagen sich, diese allerdings ist geblieben.“

Dass Klostermansfeld für die Erneuerbare-Energien-Branche so spannend ist, hat einen wesentlichen Grund: das Umspannwerk. Der Netzknoten liegt auf dem Gemeindegebiet, hier kommen mehrere Übertragungsnetze zusammen – auch ein überregionales. Das bedeutet: Durch Klostermansfeld fließen große Mengen Strom. Die können weitergeleitet werden – oder eben gespeichert. 

Letzteres, die Speicherung, wird künftig immer bedeutender. Wenn Wind und Sonne viel Strom produzieren, können Großspeicher diese Überkapazität aufnehmen. Und: Da Atom- und Kohlekraftwerke wegfallen, braucht es Möglichkeiten, die Zeiten zu überbrücken, in denen weder Wind noch Sonne vorhanden sind. Das soll auch mit Speichern geschehen. Die jedoch müssen außerordentlich groß sein. Um die Dimensionen zu verdeutlichen: Selbst der Speicher in Klostermansfeld könnte rein rechnerisch während einer Dunkelflaute von einer Woche nicht einmal 100.000 Haushalte versorgen – und da sind andere Abnehmer wie die Industrie nicht eingerechnet.

Neben dem Umspannwerk spielt für die Wahl von Klostermansfeld auch der verfügbare grüne Strom eine wichtige Rolle. „Die Kommunen hier haben aufgrund ihrer Haushaltslage den Erneuerbaren Energien viel Freiraum gegeben“, sagt Frank Ochsner. Der Kreis Mansfeld-Südharz ist eine der wirtschaftlich schwächsten Regionen in Deutschland. Wenige Unternehmen treffen auf eine alternde Bevölkerung. Klostermansfeld etwa hat seit dem Mauerfall die Hälfte seiner Einwohner verloren. Zuletzt gab es in bundesweiten Vergleichen zwar durchaus eine neue Dynamik. Gerade was Steuereinnahmen anbelangt, stehen die Kommunen aber noch immer schlecht da.

Deswegen wurden Erneuerbare Energien als Gewerbesteuer-Quelle dankend genutzt. „Wenn man von hier nach Halle fährt, sieht man ja die ganzen Windräder“, sagt Ochsner. Es fehlten wegen der geringen Industriedichte jedoch die Abnehmer in der Region. Der Speicher kann Teile dieser Überproduktion vor Ort aufnehmen.

Der Batteriepark soll jedoch nicht allein dem  Energienetz dienen. Für Ochsner geht es um seine Gemeinde. Die soll profitieren und mit ihr die gesamte Region. „So ein Batteriepark an sich bringt wenige Arbeitsplätze“, sagt der Bürgermeister. Für Wartung und Pflege der Anlage würden nicht viele Mitarbeiter gebraucht. „Der Park wird aber eine Sogwirkung entwickeln – das merken wir schon jetzt.“ Für das Gewerbegebiet der Gemeinde gebe es bereits ein sehr konkretes Vorhaben eines  energieintensiven Unternehmens, das eine  verlässliche Versorgung benötige. „Wer genau das ist, kann ich noch nicht sagen“, so Ochsner, „aber es werden schon Grundstücke gekauft.“

Hinzu kommt die Gewerbesteuer, die der Batteriepark-Betreiber zahlt und die im siebenstelligen Bereich liegen könnte – für eine Kommune, die ein Jahresbudget von drei Millionen Euro hat, ist das enorm. „Die Betreibergesellschaft will sich hier in der Gemeinde anmelden, die Räume sind schon angemietet“, sagt Ochsner. Davon profitiere auch der Kreis, der 30 bis 40 Prozent über eine Umlage bekommt. „Und selbst das Land hat etwas davon, weil es einige  Grundstücke besitzt, die an den Batteriepark verpachtet werden.“

Ein Speicher, alle profitieren – dass eine Einzelinvestition eine ganze Region nach oben zieht, so einfach ist es für Oliver Holtemöller nicht. „Eine isolierte Maßnahme reicht nicht aus, es ist immer ein ganzes Paket aus verschiedenen Faktoren“, sagt der stellvertretende Leiter des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Eine Region brauche auch qualifiziertes Personal, eine attraktive Umgebung und eine gute Daseinsvorsorge. „Schaut man sich erfolgreiche, große Cluster an, die heute das Wirtschaftsgeschehen bestimmen – wie die Region Jena mit der optischen Industrie“, erklärt Holtemöller, „wird klar: Solche Strukturen sind über lange Zeiträume gewachsen.“

Diese Entwicklungspfade müssen irgendwann angestoßen werden. Und dabei zähle, was der IWH-Vize als „Engagement vor Ort“ bezeichnet. „Man kann den Wandel von außen oder von politischer Ebene zwar unterstützen, aber man kann ihn nicht zentral organisieren oder von oben steuern“, so Holtemöller. „Es braucht lokale Akteure, die die Sache selbst in die Hand nehmen und sich verantwortlich fühlen.“

Frank Ochsner, so viel lässt sich sagen, fühlt sich verantwortlich. Seinen Job als Feuerwehrmann hat der 51-Jährige halbiert, um die Rolle als Bürgermeister von Klostermansfeld, die er seit 2020 innehat, besser auszufüllen. Gemeindechef ist er im Ehrenamt, da der Ort Teil einer Verbandsgemeinde ist. Den Ansatz, den Holtemöller als Erfolgsgaranten für ein wirtschaftliches Vorankommen beschreibt, verfolgt Ochsner. Neben der industriellen Ansiedlung achtet er auch auf die soziale Entwicklung. „Wir haben 14 Vereine im Ort mit 500 Mitgliedern.“ Deren Budget habe er seit Amtsantritt von 3.000 auf 6.500 Euro angehoben – trotz angespannter Haushaltslage der Gemeinde. 

„Der Park wird eine Sogwirkung entwickeln – das merken wir schon jetzt.“

Frank Ochsner
Bürgermeister Klostermansfeld

Das 14-fache des Budgets

Der Batteriepark spült nun noch einmal deutlich mehr Geld in das Vereinsleben. Im Zuge des Projekts hat der Entwickler nämlich sogenannte Akzeptanzmaßnahmen versprochen. Die kommen dem extra dafür gegründeten Verein „Wir sind Klostermansfeld“ zugute. „Sie sind einseitig, der  Betreiber muss sich also nicht daran halten“, sagt Ochsner. Allerdings: Die erste Tranche ist bereits eingetroffen. 90.000 Euro – das 14-fache des bisherigen Jahresbudgets. „Davon haben bereits mehrere Vereine Geld bekommen und für 30.000 Euro bauen wir einen neuen Spielplatz“, verrät Ochsner.


Nach dem Spatenstich am Mittwoch soll der Speicherpark nach aktueller Planung im ersten Quartal  2028 in Betrieb gehen. Dass das Vorhaben noch scheitern könnte, daran glaubt Frank Ochsner nicht. „Da wurde schon so viel Geld in Anträge und Flächen investiert“, meint er. Zudem sei ein weiteres Batteriepark-Projekt bereits in der Genehmigung.


Für seine Gemeinde und das Mansfelder Land soll die Großinvestition ein Wendepunkt werden. „Diese Region hat sich immer wieder verändert, angepasst und neu erfunden“, betont Ochsner. „Heute stehen wir erneut an einem solchen Punkt.“ 

So wird verdient

Betreiber von Batteriespeichern verdienen auf verschiedene Arten Geld. Sie handeln  mit Strom, den sie bei viel Angebot günstig kaufen und später teurer verkaufen. Zudem erhalten sie Prämien für Netzdienstleistungen. So gleichen Sie Frequenzschwankungen aus, indem sie innerhalb von Millisekunden benötigte Ein- oder Ausspeisungen realisieren. Zudem  entziehen sie dem Netz Strom und entlasten es so, wenn das Energieangebot zeitweise zu groß ist.