Es geht oft um weit mehr als Musik und Kirche
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Ein Beitrag von Anja Falgowski, bearbeitet von Micaela Seiferth-Wilde
Die Evangelische Hochschule für Kirchenmusik in Halle nimmt in Deutschland eine besondere Stellung ein. Sie ist die älteste und größte Bildungsstätte ihrer Art in freier Trägerschaft.
Manchmal fühlt sich Benjamin Leins wie ein UFO, das mitten in Sachsen-Anhalt, genauer gesagt, in Bernburg gelandet ist. Mit Überirdischem hat seine Arbeit zwar durchaus zu tun, von Außerirdischen ist sie aber weit entfernt: Leins ist Kirchenmusiker.
Der 38-Jährige versucht, mit seiner Arbeit auch jene Menschen zu erreichen, die sich wenig für Gott, die Bibel und den Glauben interessieren. Von ihnen gebe es – vor allem in Städten – weitaus mehr als jene, die seinen Glauben teilen. Seine Aufgabe ist vor allem deshalb nicht so einfach, wie Leins findet. Jedoch sei sie vor allem eines: bereichernd.
Kirchenmusiker Leins hat seinen Abschluss an der EHK in Halle gemacht.
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Profi-Musiker und manchmal auch Sozialarbeiter
Leins hat seinen Abschluss an der Evangelischen Hochschule für Kirchenmusik (EHK) in Halle gemacht. Sie ist eigenen Angaben nach deutschlandweit die älteste und größte ihrer Art. In Halle wurde Leins an der Orgel ausgebildet, hat gelernt, wie man Chöre leitet und singt. Außerdem hat er theologische und musikwissenschaftliche Grundlagen mit auf den Weg bekommen.
Benjamin Leins beschreibt seinen Beruf als Spagat: „Wir gestalten die gesamte Kirchenmusik, aber es dreht sich nicht nur um das, was während der Gottesdienste geschieht.“ Im Kontakt mit den Menschen gehe es häufig um weit mehr als Musik. „Wir sind professionelle Musiker, die manchmal auch irgendwie als Sozialarbeiter vor Ort arbeiten“, sagt er. Immer wieder wendeten sich Menschen in Trauer oder Not an ihn – obwohl viele von ihnen mit dem Glauben eigentlich nicht verbunden seien.
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Von Aschersleben nach Halle ins Händelhaus-Karree
Einen Teil des Rüstzeugs für seine Arbeit hat er selbst mitgebracht, das große Ganze dann im Studium an der EHK gelernt. An einer traditionsreichen Stätte: In den vergangenen 100 Jahren haben rund 1.900 junge Menschen hier studiert.
Gegründet wurde die EHK als Kirchenmusikschule 1926 in Aschersleben. Bis dahin war es üblich, dass Lehrer mitunter gleichzeitig als Kantoren tätig waren. „Man denke an den Lehrer Lämpel von Wilhelm Busch“, sagt Rektor Peter Kopp der MZ in Anspielung auf die orgelspielende Lehrkraft. Kopp wurde in Wernigerode geboren, wuchs in Dresden auf und war jahrelang Chordirigent des Dresdner Kreuzchors. Vor neun Jahren kam er nach Halle, wo er Professor für Chor- und Orchesterdirigieren ist. Und eben Rektor.
Ende des 19. Jahrhunderts änderte sich die Praxis. Unter anderem weil der Zeitaufwand für die Lehrer-Kantoren inzwischen zu hoch geworden war. Immerhin waren die Gottesdienste damals noch voll, und die Bedeutung der Kirchenmusik wuchs. Also wurden Kirchenmusikschulen gegründet: die erste in Eckernförde, die nächste dann in Aschersleben. Allerdings wurde dort bald der Platz zu knapp, man schaute nach Halle – auch, weil man sich dort ein größeres Netzwerk versprach.
Da traf es sich gut, dass das Gebäude des Schlesischen Konviktes in Halle leer stand. Seit 1866 waren dort Theologie-Studenten untergebracht, die Nationalsozialisten schlossen die Einrichtung aber 1937. Ein Jahr darauf wurde das Gebäude als Unterrichts- und Wohnhaus an die Evangelische Kirchenmusikschule vermietet.
In den folgenden Jahren hatte die Schule vor allem mit Personalnot zu kämpfen. Immer wieder wurden Lehrkräfte zum Kriegsdienst einberufen und kamen schwer verletzt oder gar nicht mehr zurück. 1945 konnte der Lehrbetrieb nur noch eingeschränkt aufrechterhalten werden.
Auf die Diktatur der Nationalsozialisten folgte die der Kommunisten. In dieser Zeit entwickelte sich die Schule zu einem Ort der Isolation, im positiven Sinne. „Die Mauer war hoch um das Gebäude“, sagt Peter Kopp, die Schule sei „eine Insel im roten Meer“ gewesen. Dass der Staat keinen Zugriff auf die Kirchen hatte, sicherte vermutlich das Überleben der Schule.
Am 18. April 2026 hat die Kirchenmusikhochschule mit einem Festakt und einem anschließenden Konzert ihr 100-jähriges Bestehen gefeiert. Zudem wurde eine Festschrift herausgegeben, die unter anderem ein Interview mit einer der ersten Studentinnen nach Kriegsende enthält, und im Buchhandel erhältlich ist.r „100 Jahre Evangelische Hochschule für Kirchenmusik Halle an der Saale“ Franziska Seils, Cordula Timm-Hartmann, Erik Dremel (Herausgeber), 188 Seiten, 2026, ortus musikverlag, ISBN 978-3-910684-14-0
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Hochschule bleibt up to date
Nach der politischen Wende 1989 ging der Lehrbetrieb weiter, das Angebot konnte erweitert werden. 1993 errang die Einrichtung den Status einer Hochschule. 2001 zog die Schule um – vom Schlesischen Konvikt in einen Neubau in der Innenstadt von Halle.
Derzeit studieren 62 junge Menschen bei elf festangestellten Lehrkräften und 38 Lehrbeauftragten. Acht Bachelor- und Masterstudiengänge werden angeboten. Als großer Erfolg hat sich der Kombi-Studiengang erwiesen, der das Lehramt Musik an der Martin-Luther-Universität mit einem zweiten Abschluss in Kirchenmusik verbindet.
Land und Kirche stünden fest hinter ihnen, sagt Peter Kopp, dafür sei man dankbar. Nachwuchssorgen gäbe es nicht. Und: „Alle unsere Absolventinnen und Absolventen bekommen einen Job“, sagt der Rektor. Damit das auch so bleibt, geht die Hochschule immer neue Wege: Zum Wintersemester 2025/26 wurde ein zweiter gemeinsamer Studiengang mit dem Institut für Musik der Martin-Luther-Universität eingerichtet – das Masterstudium Lehramt Musik, in dem Seiteneinsteiger für den Unterricht an Gymnasien und Sekundarschulen qualifiziert werden. Zudem gibt es einen neuen spannenden Studiengang: Kirchliche Popularmusik.