Wenn die Burg zum Filmstar wird
Ein Beitrag von Nicole Kirbach
In Querfurt treffen 800 Jahre Geschichte auf Kameras, Scheinwerfer und Filmteams. Rund 50 Produktionen wurden seit 2008 auf der Burg gedreht – darunter Spielfilme und Dokumentationen.
Mit ihren Ringmauern, Kanonenbastionen, Türmen und einen in den Felsen gehauenen Burggraben bildet die Burg Querfurt ein markantes Beispiel mittelalterlicher Wehrbaukunst. © IMG/Alf Maron
Drei Türme, einen in den Felsen gehauenen Burggraben und meterdicke Mauern: Wer die Burg Querfurt betritt, benötigt nicht viel Fantasie, um sich ins Mittelalter versetzt zu fühlen. Für Filmemacher stellt dies einen bedeutenden Vorteil dar. Dort, wo andere Filmkulissen erst aufwendig errichtet werden müssen, existiert in Querfurt vieles bereits seit Jahrhunderten. „Die Burg Querfurt ist die größte, wehrhafteste und besterhaltene Burg in Mitteldeutschland“, erklärt die Burgführerin Gudrun Stiegel. Historische Stoffe, besonders aus dem Mittelalter, finden hier ein geeignetes Umfeld.
Blick auf die Dreharbeiten zu „Die zertanzten Schuhe“: Der Burggraben, die Südostbastion, das Westtor, die Nordostbastion und der Burghof waren als Drehorte für den Prinzessinnenfilm bestens geeignet. © Burg Querfurt
3,5 Hektar für die Kamera
Den Filmteams stehen etwa 3,5 Hektar Fläche zur Verfügung. „Die Wartburg würde hier rund siebenmal Platz finden“, sagt Stiegel. Dies stellt für Produktionen einen entscheidenden Vorteil dar: Auf dem weitläufigen Gelände können unterschiedliche Szenen entstehen, ohne dass die Filmcrew den Drehort wechseln muss.
Dazu kommt ein praktischer Vorteil, den man einer mittelalterlichen Burg nicht unbedingt zutrauen würde: Die Filmteams können ebenerdig auf das Gelände fahren. Kameras, Scheinwerfer, Kabel, Requisiten und weitere Ausrüstungsgegenstände lassen sich somit vergleichsweise unkompliziert an ihren Einsatzort transportieren. Auch außerhalb der Mauern bietet sich eine passende Kulisse: Wiesen, Moore, steilwandige Täler sowie bewaldete Hänge rund um die Burg können für weitere Szenen genutzt werden.
Doch es ist insbesondere die Burg, die die Filmleute nach Querfurt lockt. Drei mächtige Türme prägen das Erscheinungsbild der Anlage. „Jeder Turm ist etwas Besonderes“, erläutert Stiegel. Der „Dicke Heinrich“ ist über 800 Jahre alt. Gemeinsam mit der Scheune gehören die Türme zu den wenigen Bauwerken der Burg, die tatsächlich aus dem Mittelalter stammen.
Seit 2008 wurden nach Angaben der Burg rund 50 Produktionen realisiert, darunter Dokumentationen wie „Ken Folletts Zeitreise ins finstere Mittelalter“ und Märchenverfilmungen wie „Die zertanzten Schuhe“ ebenso wie große Kino- und Fernsehproduktionen. So wurden hier etwa größtenteils „Die Päpstin“ und „Der Medicus“ realisiert. Auch „1 ½ Ritter“ und „Der Räuber Hotzenplotz“ verwendeten sie als Kulisse. In der Actionserie „Lasko“ diente sie sogar als fiktives Kloster eines geheimen Mönchsordens. Hinzu kommen Dreharbeiten, die noch weiter zurückreichen: Bereits zu DDR-Zeiten fanden auf der Burg Querfurt Filmaufnahmen statt.
Im Laufe der Jahre stand nahezu jeder Bereich der Anlage mindestens einmal im Scheinwerferlicht. Besonders häufig nutzten die Filmteams die Westtoranlage, wo etwa Til Schweiger in dem Film „1 ½ Ritter“ durch das Tor ritt, die Nordost-Bastion, wo sich Seppl-Darsteller Benedikt Jenke noch einmal auf die Suche nach dem Hotzenplotz macht und die Südbastion. Letztere wurde zum Beispiel in „Der Medicus“ zu einem besonderen Schauplatz, als der Protagonist Rob Cole heimlich einen menschlichen Leichnam obduziert, um die Ursache der tödlichen „Seitenkrankheit“ zu erforschen.
Für „Die Päpstin“ stand die Kirche ringsherum in Flammen. © Constantin Film GmbH
Torf, Mist und Erde
Wie sich die Burg gezielt in eine bestimmte Filmwelt verwandelt, zeigte sich besonders bei dem Film „Die Päpstin“: Die Wiese vor der Kirche wurde mit Torf, Mist und Erde bedeckt, am „Dicken Heinrich“ entstanden Holzhütten und in den Kasematten richtete ein Hufschmied sein Lager ein. Außerdem erhielt die Westtoranlage ein romanisches Erscheinungsbild.
Für die Filmcrew gilt dabei eine klare Regel: Nach dem Dreh muss die Burg wieder in ihren ursprünglichen Zustand versetzt werden. Schäden werden von der Produktionsfirma behoben oder über deren Versicherung abgewickelt. Während der Dreharbeiten zu „Die Päpstin“ kam es beispielsweise zu starkem Regen, wodurch das Equipment der Crew den Rasen beschädigte. „Das Team hat daraufhin veranlasst, Rollrasen zu verlegen und nach zwei Tagen sah alles wieder so aus wie vor den Dreharbeiten“, berichtet die Burgführerin.
Der organisatorische Aufwand für die Mitarbeiter der Burg selbst hält sich laut der Burgleiterin Franziska Weidner hingegen in Grenzen. Sie öffnen die Räume und stehen als Ansprechpartner zur Verfügung – unabhängig davon, ob ein deutsches oder internationales Filmteam anreist.
Für Querfurt bedeutet ein Filmdreh weit mehr als nur einige Tage mit Kameras und Scheinwerfern. Eine große Produktion bringt Menschen in die Region, generiert Nachfrage bei Hotels, der Gastronomie sowie regionalen Dienstleistern und macht die Stadt einem größeren Publikum bekannt.
„Wenn eine große Filmproduktion die historische Burg Querfurt als Drehort wählt, hat dies enorme wirtschaftliche, touristische und imageprägende Auswirkungen für die Burg und die Stadt Querfurt“, sagt Weidner. Auch Einheimische haben die Möglichkeit, Teil der Filmwelt zu werden. Für Produktionen werden regelmäßig Statisten aus der Region gesucht. Sogar einige Burgführer standen bereits vor der Kamera.
Til Schweiger ritt in „1 ½ Ritter“ durch das Westtor.
© Barefoot Films GmbH
Rob Cole obduzierte in „Der Medicus“ heimlich einen menschlichen Leichnam, um die Ursache der tödlichen „Seitenkrankheit“ zu erforschen.
© UFA Fiction GmbH
Ein besonderer Moment
Wer erfahren möchte, an welchen Orten der Burg welche Filmszene gedreht wurden, kann an speziellen Filmburgführungen teilnehmen. Außerdem präsentierten Ausstellungen wie „Ganz großes Kino!“ und „Ganz große Märchen!“ bereits Kostüme, Drehbücher sowie Requisiten aus Produktionen, die auf der Burg und in ihrer Umgebung gedreht wurden. Und manchmal bleibt vom Filmset mehr zurück als nur Erinnerungen. Das innere Westtor ist ein Überbleibsel aus „Black Death“. Der Kamin im Fürstenkeller ist als Attrappe aus „Die Päpstin“ verblieben.
Für Gudrun Stiegel stellen derartige Relikte und insbesondere die Filme selbst eine besondere Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart dar. Wenn sie zu einem späteren Zeitpunkt eine Produktion sieht und dabei einen vertrauten Turm oder eine Mauer wahrnimmt, ist dies für sie jedes Mal ein besonderer Augenblick. „Wenn man seine Steine wiedererkennt, geht einem das Herz auf“, sagt sie. Denn in solchen Momenten verwandelt sich die Burg Querfurt wieder in das, was sie für Filmproduzenten so wertvoll macht: einen Ort, an dem Geschichte nicht nur bewahrt, sondern immer wieder neu erzählt werden kann.