So langsam wie möglich
© Angelika Wegener
Ein Beitrag von Micaela Seiferth-Wilde
639 Jahre Klang: Wie ein Orgelstück in Halberstadt unser Erleben von Zeit herausfordert
Die Buchardikirche ist eine spätromanische, ursprünglich dreischiffige kreuzförmige Basilika mit rechteckigem Umgangschor. © John-Cage-Orgel-Stiftung Halberstadt/Anneli Borgmann
Was haben Bischof Buchard I. von Halberstadt und der US-amerikanische Komponist John Cage gemeinsam? Die Lebensepoche schon mal nicht – der eine wirkte im 11., der andere im 20. Jahrhundert. Was beide verbindet, ist ein Ort: das Kloster Buchardi in Halberstadt. Der Bischof gab seinen Namen dafür, der Komponist lässt es erklingen.
In der Klosterkirche St. Burchardi ist es kühl. Der Geruch von altem Stein, Holz und Staub hängt zwischen den hohen romanischen Bögen. Sonnenlicht fällt durch die Fenster und legt sich wie ein heller Teppich auf den unebenen Boden. Nichts wirkt geschniegelt oder museal. Die Wände tragen die Spuren der Jahrhunderte offen zur Schau.
Und dann ist da dieser sonore Klang: Er hat keinen Anfang, kein Ende und keinen Rhythmus, an dem man sich festhalten könnte. Es ist ein Sound, der schon da war, bevor der Besucher die Kirche betreten hat, und der noch erklingen wird, wenn er längst gegangen ist.
Im Querschiff steht eine kleine, hölzerne Orgel-Skulptur. Sandsäckchen beschweren drei Tasten, Pfeifen ragen in die Höhe. Nichts bewegt sich und doch erklingt hier eines der längsten Musikstücke der Welt. Sein Ende ist für das Jahr 2640 geplant. Wer nach Halberstadt kommt, begegnet nicht nur einer Komposition, sondern auch einer anderen Vorstellung von Zeit.
Beim Rundgang durch die Buchardikirche lassen sich 639 Stiftertafeln entdecken – mit Namen und Gedanken. © Ronald Göttel
Radikal gedacht und gedehnt
Die Geschichte beginnt mit einer Anweisung von vier Worten. „As Slow As Possible“ schrieb John Cage zu seinem Werk ORGAN2/ASLSP. So langsam wie möglich. Wie langsam das ist, ließ Cage offen. Hinzu kommt sein Hinweis „Soft morning. city! Lsp!“ – er ist ein Zitat aus James Joyces „Finnegans Wake“, einem Roman, in dem lineare Erzählzeit aufgehoben wird. Vielleicht wollte Cage damit sagen: ORGAN2/ASLSP soll Musik sein, die Zeit selbst hörbar macht.
Das Stück besteht aus acht Teilen, die alle gespielt werden müssen und von denen eines wiederholt werden kann. Als der Organist Gerd Zacher ORGAN2/ASLSP 1987 aufführte, dauerte seine Interpretation etwas mehr als 29 Minuten. Jahre später, 1998 auf einer Tagung für Orgelmusik, nahmen Musiker, Kunstwissenschaftler und Theologen Cages Anweisung radikal wörtlich. Was wäre, wenn man die Grenzen eines Konzerts und die Lebenszeit eines Organisten ignorierte? Wie langsam könnte Musik dann sein?
Die Antwort gab Halberstadt: 639 Jahre. Ort und Dauer sind keine Zufälle. Im Jahr 1361 wurde im Halberstädter Dom die Blockwerkorgel von Nicolaus Faber geweiht, eine der frühesten bedeutenden Großorgeln Europas. Ihr zwölfstufiges Tonsystem wurde zum Vorbild moderner Klaviaturen. Zwischen 1361 und dem Jahr 2000 liegen genau 639 Jahre – also soll auch die Aufführung 639 Jahre dauern. Das John-Cage-Orgel-Kunst-Projekt Halberstadt war geboren.
Die Orgel in der Buchardikirche, eine kleine hölzerne Klang-Skulptur, hat inzwischen viele Freunde gewonnen.
© Ronald Göttel
Als Ort für dieses Experiment wurde bewusst St. Burchardi gewählt. Die ehemalige Klosterkirche stand weitgehend leer, ihr rauer Zustand blieb erhalten. Zeit ist hier sichtbar geworden: in den Mauern und ihren Rissen. Der Raum scheint wie geschaffen für ein Klangwerk, das Jahrhunderte überdauern soll.
Die Originalpartitur umfasst gerade einmal vier DIN-A4-Seiten und wäre in kurzer Zeit gespielt. Die Berechnung der „Halberstädter Langsamkeit“ kostete die Initiatoren jedoch einige Mühe. Das Ergebnis: In 639 Jahren wird es mehrere Hundert Klangwechsel geben – manche nach Monaten, andere erst nach Jahren. Nach inzwischen 25 Jahren und 17 Klangwechseln sind erst rund vier Prozent der geplanten Aufführungsdauer vergangen.
© Ronald Göttel
Ein klangvoller Erfahrungsraum
Manchmal geschieht in St. Burchardi lange Zeit fast nichts. Als ORGAN2/ASLSP am
5. September 2001, dem 89. Geburtstag John Cages, begann, war zunächst nur Wind zu hören. Das Werk startete mit einer Pause, die entsprechend gedehnt wurde. Über ein Jahr lang erzeugte ein elektrischer Faltenbalg lediglich ein leises Fauchen. Erst am 5. Februar 2003 wurden die ersten drei Pfeifen aufgesteckt: gis‘, h und gis“.
Seitdem sind die Klangwechsel große Ereignisse. Hunderte Menschen aus aller Welt kommen nach Halberstadt und verfolgen, wie Freiwillige mit weißen Handschuhen Pfeifen aufstecken oder entfernen.
Viele Besucher beschreiben die Wirkung des Klangs als meditativ. Weil ihnen das Ende des Stücks verborgen bleibt, wird seine Dauer zu einem persönlichen Raum, den sie erkunden müssen, statt zu einer Ausdauerprüfung gegen eine tickende Uhr. Wer sich darauf einlässt, erlebt ORGAN2/ASLSP und St. Burchardi als Denk- und Erfahrungsraum.
Vielleicht liegt genau darin die Kraft dieses Projekts. Dass man sich irgendwann nicht mehr fragt, ob das überhaupt ein Konzert ist oder wer hier eigentlich spielt – die Freiwilligen, die Technik oder der Wind in den Pfeifen. Stattdessen stellt sich eine andere Frage: Was geschieht hier und was macht es mit mir? John Cage hätte alle Fragen dazu vermutlich geliebt: „That’s a very good question. I should not want to spoil it with an answer.“
Der Klangwechsel in der Buchardikirche in Halberstadt ist jedes Mal ein großes, berührendes Ereignis. Das nächste Mal zu erleben: am 5. Oktober 2027. © Ronald Göttel
Musikalisches Geschenk an die Nachfahren
Die Menschen, die das Projekt tragen, werden sein Ende nie erleben. Trotzdem kümmern sie sich um die Technik, sammeln Spenden und organisieren Führungen, Konzerte, Lesungen und Tagungen. Das Projekt lebt von einer privaten Stiftung, Förderern und ehrenamtlichem Engagement. Die cage academy für neue Musik befindet sich im Aufbau, zieht aber schon jetzt internationale Teilnehmer an.
Die künstlerische Leiterin des John-Cage-Orgel-Kunst-Projekts, Anneli Borgmann, beschreibt die Vision dahinter als „Vorstellung einer Gesellschaft, in der nicht alles einem Zweck untergeordnet oder nach seinem finanziellen Wert beurteilt wird“. Und so werden bereits Eintrittskarten für die Schlussaufführung im Jahr 2640 verkauft. 44 Tickets wurden bislang vergeben: Edelstahlplatten in Holzkassetten, gedacht für Nachfahren heute lebender Menschen. Das wirkt zunächst wie ein Scherz, ist aber ein Bekenntnis – zum Glauben daran, dass St. Burchardi noch stehen wird, dass Menschen Verantwortung übernehmen und zuhören wollen und dass Kunst eine Zukunft hat.
Draußen vor der Kirche richtet sich das Leben nach Fahrplänen, Terminen und Kalendern. Drinnen halten wechselnde Akkorde seit Jahren die Stellung. Halberstadt ist einer der seltenen Orte der Welt, an denen Musik nicht in Minuten oder Stunden gemessen wird. Hier ist die Zeit selbst Teil der Komposition. Während Generationen kommen und gehen, spielt die Orgel weiter. Der 18. Klangwechsel ist am 5. Oktober 2027.