Altmark
Vom Todesstreifen zum geschützten Lebensraum
Was 1989 kurz nach dem Mauerfall als kühne Vision des Bund für Umwelt und Naturschutz e. V. (BUND) begann, ist mittlerweile in weiten Teilen Deutschlands und Europas Realität geworden.
Ein Beitrag von
Jörg Schulze
Aus dem ehemaligen Todesstreifen an der innerdeutschen Grenze wurde eine Lebenslinie für die Natur, die auch Menschen miteinander verbindet – das Grüne Band.
Der BUND hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Lebensräume zu bewahren, die an vielen Orten bis heute bedroht oder verschwunden sind, sich aber im Schatten der innerdeutschen Grenze ungestört entwickeln konnten. Heute ist das 1400 Kilometer lange Grüne Band der einzige bundesländerübergreifende Biotopverbund in Deutschland. In Europa erstreckt sich dieser ökologische Korridor sogar über 12 500 Kilometer.
Im Raum Salzwedel, im äußersten Nord-Westen des Landes Sachsen-Anhalt setzt sich der BUND seit vielen Jahren dafür ein, die einzigartige Landschaft am Grünen Band zwischen Altmark und dem niedersächsischen Wendland zu bewahren.
Vom neuen Bohlensteg aus lässt sich die Natur erkunden.
© BUND
Im Raum Salzwedel, im äußersten Nord-Westen des Landes Sachsen-Anhalt setzt sich der BUND seit vielen Jahren dafür ein, die einzigartige Landschaft am Grünen Band zwischen Altmark und dem niedersächsischen Wendland zu bewahren.
© BUND
Zu einem besonderen Kleinod haben sich dabei die Brietzer Teiche entwickelt. Wo einst Bagger Tonerde für die Ziegelherstellung abschürften, können heute Naturliebhaber ein wahres Eldorado für Wat- und Wasservögel, Libellen und Amphibien erleben. Diese Entwicklung im Sperrgebiet der ehemaligen DDR war nur möglich, weil der BUND seit vielen Jahren die Renaturierung fortführt, die der Altmarkkreis Salzwedel in den 1990er Jahren begonnen hat. Die steilen Ufer der Tonteiche wurden abgeflacht und zahlreiche Klein-und Flachgewässer mit Brutinseln neu angelegt. So ist ein vielgestaltiges Biotopmosaik entstanden, das Wiesenvögeln und Röhrichtbrütern einen idealen Lebensraum bietet sowie anderen Zug- und Brutvögeln. Kiebitz, Rohrweihe, Wasserralle, Drossel- und Schilfrohrsänger haben hier ein neues Zuhause gefunden.
Nordische Gänse und Singschwäne nutzen die Gewässer im Winter als Schlafplatz. Für Kraniche, Schwarzstörche, See- und Fischadler bietet das Gebiet ausreichend Nahrung. An den Ufern schwirren fast 40 verschiedene Libellenarten durch die Luft, darunter finden sich Besonderheiten wie die Zierliche und die Große Moosjungfer, der Spitzenfleck und die bundesweit vom Aussterben bedrohten Helm- und Vogel-Azurjungfern. Auch Fischotter und Biber haben sich wieder angesiedelt, ebenso Amphibien wie Moor- und Laubfrosch.
Die ehemaligen Tongruben sind heute also ein Hotspot der Artenvielfalt und ein besonderes Erlebnis für Naturfreunde.
Pflanzenliebhaber kommen vor allem im Mai und Juni auf ihre Kosten. Denn dann blüht auf einer Wiese das Breitblättrige Knabenkraut – eine seltene Orchideenart. Der BUND hat hier im vergangenen Jahr einen Bohlenstegerrichtet, damit Besucher dieBlütenpracht genießen können, ohne das empfindliche Biotop zu beeinträchtigen.
Ein Besuch des Cheiner Torfmoores lohnt sich vor allem im Frühsommer – dann bieten die artenreichen Feuchtwiesen eine bunte Blütenpracht mit Orchideen, Klappertopf, Bach-Nelkenwurz, Schlangen-Knöterich, Kuckucks-Lichtnelke und Hahnenfuß. Später im Jahr kommen dann noch Teufelsabbiss und Hochstauden wie Baldrian, Gelbe Wiesenraute, Blut- und Gilbweiderich sowie Wasserdost dazu.
Ein besonderes Erlebnis ist auch die Blüte des Breitblättrigen Knabenkrauts. Diese
Orchideenart ist weltweit stark gefährdet. Deutschland hat eine hohe Verantwortung sie zu erhalten, weil ein beträchtlicher Anteil des globalen Bestandes im Bundesgebiet liegt. Im Cheiner Torfmoor blühen jedes Jahr mehrere Tausend Exemplare dieser pinkfarbenen Wiesenpflanze.
Außerdem finden hier zahlreiche Tagfalter einen wertvollen Rückzugsraum, und auf den Feuchtwiesen sind regelmäßig Kraniche zu beobachten.
Da das Cheiner Torfmoor ebenfalls im Sperrgebiet der ehemaligen innerdeutschen Grenze lag, ist es erst spät entwässert worden. So hat sich ein buntes Mosaik aus artenreichen Feuchtwiesen, Moor- und Sumpfwäldern erhalten, das aus Quellzuflüssen gespeist wird. Der BUND sichert das Moor, indem er den Wasserstand hochhält. Landwirte düngen die Flächen seit 30 Jahren nicht mehr und mähen nur noch einmal jährlich nach der Blüte, damit die Pflanzen wieder aussamen können. Mit dieser angepassten Bewirtschaftung leisten sie einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Artenvielfalt.
Die Brietzer Teiche und das Cheiner Torfmoor sind zudem auch ein Baustein für den sanften Tourismus in der Region, der auch für Radtouristen gut erreichbar ist. Von Halle geht es mit dem Regionalexpress über Magdeburg direkt nach Salzwedel. Auf dem gut ausgebauten Radweg an der B 71 sind es vom Bahnhof rund 5 Kilometer bis Brietz. Alle weiteren Informationen gibt es auf der Infotafel vor Ort.
Zu DDR-Zeiten dienten die Gruben zur Tongewinnung. Bagger schürften den Rohstoff, in der nahen Ziegelei erfolgte die Weiterverarbeitung.
© BUND
Auch der seltene Kiebitz hat am ehemaligen Todesstreifen seinen Lebensraum gefunden.: Informationen gibt es auch direkt vor Ort auf der Infotafel.
© Dieter Damschen