Sachsen-Anhalt
Mutige Reiterinnen und faule Turmbläser
Sagenhaftes Sachsen-Anhalt: Was hat Till Eulenspiegel in Bernburg getrieben und wer war er? Unser Bundesland hat vom Harz bis in den Saalekreis zahlreiche Mythen zu bieten. Ein kleiner Überblick.
Ein Beitrag von
Nadja Reichert
Denkt man an deutsche Sagen, fallen wahrscheinlich zunächst sicherlich die Namen „Nibelungen“, „Rattenfänger von Hameln“ oder vielleicht auch „Störtebeker“. Während in Nordrhein-Westfalen Menschen seit jeher nach dem Goldschatz suchen, den Hagen von Tronje im Rhein versenkt haben soll, wagt man sich in Sachsen-Anhalt an die Bode, um die edelsteinbesetzte Krone des Harzer Hünenkönigs zu finden. Diese liegt laut der bekanntesten Sage der Region – der Rosstrappe – im Fluss Bode und soll dort von einem Drachen bewacht werden. Die Rosstrappe erzählt von Brunhilde, der Tochter des Hünenkönigs, die den Riesen Bodo heiraten sollte. Doch sie liebte bereits den Sohn eines Vasallen, Selmar. Dieser wurde vom König beauftragt, einen Riesen in Island zu erschlagen, nur dann dürfe er Brunhilde heiraten. Während Selmar die Aufgabe erfüllte, forderte ein anderer Riese namens Bodo die Königstochter zur Frau. Kurz vor der Hochzeit kehrte Selmar jedoch heim. Das Paar wollte vor der Zeremonie fliehen, auf dem Rücken eines weißen Pferdes, das Brunhilde als Hochzeitsgeschenk von Bodo bekam. Auf der Flucht verfolgte sie der Riese. Selmar wollte sich ihm im Kampf stellen, Brunhilde jedoch sprang aus Furcht vor Bodo mit dem weißen Pferd über das Bodetal. Der Sprung gelang, wobei die Hufe des Pferdes Abdrücke im Stein hinterließen, die heute noch sichtbar sind. Der Riese Bodo schaffte den Sprung mit seinem Pferd jedoch nicht und stürzte ins Wasser. Der Sage nach soll er sich aber noch in einen Drachen verwandelt haben und seither am Fluss die Krone der Königin des Harzes bewachen. Diese trug Brunhilde nämlich bei ihrer Flucht und sie fiel beim Sprung über das Bodetal von ihrem Kopf in den Fluss.
Die Rosstrappe besuchen heute hundertausende Menschen. Der etwa 403 Meter hohe Granitfelsen liegt bei Thale, 250 Meter über der Bode, und ermöglicht bei klarem Wetter einen idealen Blick auf den Brocken und Hexentanzplatz. Mit einem Sessellift können Besucherinnen und Besucher an die Stelle fahren, wo die Hufabdrücke im Stein zu sehen sind. Unter bodetal.de/urlaub-im-bodetal/ausflugsziele/rosstrappe gibt es alle Informationen zur Anreise, Ticketpreise für den Sessellift sowie Hinweise zu Öffnungszeiten und Führungen zum sagenumwobenen Schauplatz.
Der Eulenspiegelturm mit Türmerstube ist der Schauplatz von Till Eulenspiegels Taten in Bernburg.
© Karina Gebert/stock.adobe.com
Skulpturen begrüßen die Besucherinnen und Besucher am Eingang zum Hexentanzplatz.
© dk-fotowelt/stock.adobe.com
Schwarze Künste auf dem Hexentanzplatz
Und da er schon erwähnt wurde, kann es auch gleich mit ihm weitergehen. Denn nur etwa acht Kilometer von der Rosstrappe entfernt, befindet sich der Hexentanzplatz. Hexen kommen in fast jedem Land in Sagen vor. Wie der Name des berühmten Ortes auf dem Brocken schon sagt, kommen auf dem Hexentanzplatz die Sagen- und Märchengestalten zusammen, um hier zu tanzen, ihre Versammlungen abzuhalten und ihre Künste zu praktizieren. Einberufen werden diese Versammlungen laut der Sagen von einer Oberhexe, die in einigen Versionen den Namen „Watelind“ oder „Watelinde“ trägt. Hexen galten im Mittelalter und der frühen Neuzeit nicht nur als zumeist antagonistische Gestalten in Erzählungen, sondern waren für die Menschen real. Sind sie heute eher ein beliebtes Phänomen der Popkultur und schon lange nicht mehr nur negativ konnotiert, waren sie in früheren Jahrhunderten Anlass für Angst, Misstrauen und Hass. Leider müssen daher immer die Hexenverfolgungen genannt werden, die Deutschland von circa 1550 bis 1650 ihre Hochzeit hatten. Auch im Harz fielen viele Frauen diesen Verfolgungen zum Opfer.
Die Sagen um den Hexentanzplatz haben sich trotz des blutigen historischen Kontextes gehalten. Und wie die Hexen selbst heute eher mit faszinierendem und mysteriösem Schauer verbunden sind, ist auch der Hexentanzplatz eine Pilgerstätte für Besucherinnen und Besucher. In den Sagen haben die Hexen hier ihre Bräuche und Feste gefeiert – und das tun die Menschen heute ebenso. Vor allem am 30. April, der Walpurgisnacht, und an Halloween am 31. Oktober finden große Feste statt. Unter bodetal.de/urlaub-im-bodetal/ausflugsziele/hexentanzplatz gibt es eine Übersicht zu Übernachtungsmöglichkeiten und Anregungen für einen Kurzurlaub rund um den Hexentanzplatz, beispielsweise ein Besuch im Hexendorf, das seit Herbst 2024 seine Tore öffnet.
Till Eulenspiegel als Turmbläser in Bernburg
Die nächste Sagengestalt kennt man nicht nur in Sachsen-Anhalt, sondern eigentlich in ganz Deutschland: Till Eulenspiegel, der umherziehende Narr, der in verschiedenen Städten auftaucht und die Leute dort mit mal weniger, mal mehr argen Scherzen unterhält, sie aber auch sehr ärgern kann. In den bekanntesten Erzählungen tritt Till Eulenspiegel meist als ein Geselle oder Lehrling auf, der sich bei einem oft wohlhabenden und selbstverliebten Dienstherrn anstellen lässt, nur um diesem dann in irgendeiner Form zu schaden. Seine Streiche wurden als Bücher, Hörspiele und vor allem Theaterstücke zahlreich adaptiert. Die Geschichten des Tunichtgut gehen auf das frühen 16. Jahrhundert zurück. Eine Geschichte spielt auch in Bernburg. Eulenspiegel war vom Grafen von Anhalt, der zu dieser Zeit in der Burg in Bernburg residierte, als Turmbläser angestellt. Da Eulenspiegel jedoch in seinem Turmzimmer nichts von den leckeren Speisen des Grafen bekam, blies er zunächst nicht, als Feinde des Grafen Rinder stahlen und blies erneut, als gar keine Feinde in Sicht waren, nur um sich am Tisch des Grafen bedienen zu können. In der Folge wurde Eulenspiegel ins Gesindel herabgestuft, doch benahm sich auch dort so schlecht, dass ihn der Graf schließlich ganz aus seinen Diensten entließ.
Aufgrund dieser Erzählung gibt es im Schloss Bernburg heute den Eulenspiegelturm – Teil des Schloss Museums Bernburg – mit Kuppelsaal und Türmerstube. In dieser wartet auch heute wieder „Till Eulenspiegel“ auf Besucherinnen und Besucher, um die Sage aus seiner Sicht zu erzählen. Der Turm ist von April bis Oktober montags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Weitere Infos gibt es unter museumschlossbernburg.de/eulenspiegelturm/
Dies sind nur drei Beispiele der zahlreichen Sagengestalten, die Sachsen-Anhalt zu bieten hat. Zahlreiche Orte des Bundeslandes haben ihre lokalen Helden, wie etwa der Saalaffe oder Saalnix in Halle (Saale), die Nixen von Magdeburg oder die Geschichte um den Raben von Merseburg.
Die Rosstrappe ist ein etwa 403 Meter hohe Granitfels bei Thale im Harz.
© Karin Jähne/stock.adobe.com
Am Hang der Rosstrappe ist der Abdruck des Pferdehufs aus der Sage gut zu erkennen.
© BirgitMundtOsterw./stock.adobe.com
Aufgrund dieser Erzählung gibt es im Schloss Bernburg heute den Eulenspiegelturm – Teil des Schloss Museums Bernburg – mit Kuppelsaal und Türmerstube. In dieser wartet auch heute wieder „Till Eulenspiegel“ auf Besucherinnen und Besucher, um die Sage aus seiner Sicht zu erzählen.
Der Turm ist von April bis Oktober montags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet.
Dies sind nur drei Beispiele der zahlreichen Sagengestalten, die Sachsen-Anhalt zu bieten hat. Zahlreiche Orte des Bundeslandes haben ihre lokalen Helden, wie etwa der Saalaffe oder Saalnix in Halle (Saale), die Nixen von Magdeburg oder die Geschichte um den Raben von Merseburg.