Sachsen-Anhalt
Kleine Flächen, große Vielfalt: Naturschutzgebiete in Sachsen-Anhalt
Naturschutzgebiete sind weit mehr als Ausflugsziele. Sie sichern wertvolle Lebensräume, bieten Tieren Rückzugsorte und tragen zur biologischen Vielfalt bei.
Ein Beitrag von
Nicole Kirbach
Vom Harz über die Auen von Elbe, Saale, Havel und Unstrut bis zu kontinental geprägten Trockenrasen, Heidelandschaften und seltenen Binnenlandsalzstellen: Sachsen-Anhalt vereint auf vergleichsweiser kleiner Fläche eine außergewöhnliche Vielfalt an Lebensräumen. Hier fühlen sich zahlreiche Tier- und Pflanzenarten wohl. In den Auen leben beispielsweise Biber und Fischotter; Kraniche, Seeadler und Schwarzstörche finden dort Nahrung und geeignete Brutgebiete. Auch der farbenprächtige Bienenfresser ist hier zu Hause. Etwa die Hälfte der deutschen Population lebt und brütet in Sachsen-Anhalt.
Auf Trocken- und Steppenrasen leben Zauneidechsen sowie zahlreiche spezialisierte Wildbienen, Schmetterlinge und Heuschrecken. In den Heidelandschaften südlich von Dessau und in der Colbitz-Letzlinger Heide finden Nachtschwalbe und Heidelerche großflächige Lebensräume. Im Harz sind Luchs und Wildkatze zu Hause. Feuchtwiesen sind unter anderem für Kiebitz und den sehr seltenen Wachtelkönig wichtig. Damit diese Vielfalt erhalten bleibt, ist ihr Schutz unverzichtbar.
Besucher sollten die ausgewiesenen Wege in den Schutzgebieten nutzen und die am Eingang gezeigten Verhaltensregeln beachten.
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Etwa die Hälfte der deutschen Population der Bienenfresser lebt und brütet in Sachsen-Anhalt.
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Arten und Lebensräume schützen
Die landesweite Übersicht nennt für Sachsen-Anhalt rund 200 Naturschutzgebiete mit zusammen gut 71.000 Hektar (Stand: 2020). „Das klingt vielleicht viel, ist es aber nicht, denn damit erfährt die Natur Sachsen-Anhalts nur auf drei Prozent der Landesfläche diesen besonderen Schutz – aus unserer Sicht viel zu wenig“, sagt Jens Richter, Landesgeschäftsführer des NABU Sachsen-Anhalt. Denn nach Angaben des Umweltministeriums in Sachsen-Anhalt gelten 1.560 Arten als vom Aussterben bedroht. Das entspricht 7,3 Prozent aller im Land nachgewiesenen Arten. Dazu zählt etwa der Feldhamster. „Sachsen-Anhalt beherbergt das größte noch zusammenhängende Verbreitungsgebiet der Art in Deutschland und trägt deshalb eine besondere Verantwortung“, erklärt Richter. Ähnlich kritisch sei die Situation vieler Feld- und Wiesenvögel.
Naturschutzgebiete seien die wichtigsten Rückzugsräume und bilden gemeinsam mit Natura-2000-Gebieten, Biosphärenreservaten, Naturparks und dem Nationalpark Harz ein Schutznetz mit besonders wichtigen Landschaftsformen – auch für den Klima- und Landschaftsschutz: Naturnahe Auen können Hochwasser zurückhalten, Moore und Feuchtgebiete speichern Kohlenstoff und Wasser, Wälder kühlen ihre Umgebung. Zugleich sind Schutzgebiete für viele Menschen Orte, an denen sich Natur noch unmittelbar erleben lässt.
Der Schutz dieser Gebiete ist unter den aktuellen Herausforderungen wichtiger denn je. Eines der größten Probleme ist der veränderte Wasserhaushalt. Längere Trockenperioden, hohe Temperaturen und unregelmäßige Niederschläge setzen Feuchtwiesen, Mooren, kleinen Gewässern und Auen zu. Gleichzeitig müssen Trockenrasen so gepflegt werden, dass ihre spezialisierten Arten trotz zunehmender Hitze und Nährstoffeinträge erhalten bleiben.
Auch der Ausbau erneuerbarer Energien müsse naturverträglich erfolgen. „Deutschland trägt für den Rotmilan eine besondere internationale Verantwortung, weil hier mehr als die Hälfte des Weltbestandes brütet. Sachsen-Anhalt gehört zu seinen wichtigsten Verbreitungsgebieten“, so der Naturkundler. Entscheidend seien daher eine sorgfältige Standortwahl für Windenergieanlagen sowie wirksame Maßnahmen zur Vermeidung von Kollisionen.
Nachweisbare Erfolge
Dass langfristiger und konsequenter Naturschutz wirken kann, zeigt zum Beispiel der Seeadler. Nachdem er in Sachsen-Anhalt zeitweise nahezu verschwunden war, wurden 2022 landesweit wieder 66 Revierpaare erfasst. Auch die Bestandsentwicklung der Großtrappe, eines der schwersten flugfähigen Tiere der Welt, hat sich positiv entwickelt: Anfang 2026 wurden deutschlandweit 305 Großtrappen gezählt, davon wurden 119 im Fiener Bruch und bereits 25 im neu aufgebauten Vorkommen im Zerbster Land. Auch Biber und Fischotter haben viele frühere Lebensräume zurückgewonnen.
„Bestände können sich erholen, wenn Verfolgung endet, Lebensräume verbessert und Schutzmaßnahmen über viele Jahre durchgehalten werden“, so der Experte. Mut würden auch Projekte machen, bei denen Landwirtschaft, Landschaftspflege und Naturschutz zusammenarbeiten – etwa die Beweidung der Oranienbaumer Heide mit Heckrindern und Konikpferden oder der Einsatz von Wasserbüffeln am Salzigen See im Mansfelder Land seit Anfang Juni.
„Der wichtigste Grund für Zuversicht sind jedoch die vielen Menschen, die sich beteiligen. Denn ohne Ehrenamt und auch freiwillige finanzielle Unterstützung wäre Naturschutz in dieser Fläche nicht möglich“, erklärt Richter.
Der NABU Sachsen-Anhalt wird von etwa zehntausend Mitgliedern getragen. Wer sich für den Naturschutz engagieren möchte, kann sich an die Kreis-, Regional- und Ortsgruppen wenden.
Damit Naturschutz erlebbar wird, setzt der NABU auch auf Umweltbildung. Für Kinder und Jugendliche bietet die Naturschutzjugend NAJU Sachsen-Anhalt an mehreren Orten Gruppen sowie Ferien- und Naturerlebnisveranstaltungen an. Der NABU selbst bietet geführte Exkursionen an. Die fachkundigen Begleiter machen unscheinbare Pflanzen Tierspuren sichtbar, an denen man allein einfach vorbeigegangen wäre. Außerdem helfen sie dabei, Störungen zu vermeiden. Denn freilaufende Hunde, regelwidrige Drohnenflüge und zurückgelassener Müll sind oft Probleme in Naturschutzgebieten. Grundsätzlich sollten Besucher die ausgewiesenen Wege nutzen und die am Eingang eines Schutzgebietes gezeigten Verhaltensregeln beachten. „Wer sich ruhig verhält, auf den Wegen geht und ein Fernglas benutzt, sieht am Ende meist mehr als jemand, der einem Tier möglichst nahekommen möchte und dabei alles um sich herum verscheucht.“