Altmark
Tiefe Wiesen, echte Menschen und Kultur soweit das Auge reicht
Lebe lieber anders! Dieser Satz ist prägendes Markenzeichen der Wische – einer weiten, dünn besiedelten Landschaft im Nordosten der Altmark. Dort gibt es in jeder Hinsicht reichlich freien Raum zur Entfaltung – ein wirkliches Kontrastprogramm zu urbanen Räumen.
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Ein Beitrag von
Martin Rehberg
Wische ist das altdeutsche Wort für „Wiese“ und damit namensgebend für die Region im Nordosten der Altmark. Ihre Grenzen verdankt sie einer geologischen Sonderstellung. Entstanden ist sie vor etwa 130.000 Jahren als Rest eines 275 Quadratkilometer großen eiszeitlichen Schmelzwassersees. Danach hat die Elbe in der entstandenen Ebene das Landschaftsbild mit ihren Mäandern und Altarmen geprägt. Ihren Ablagerungen verdankt die Wische den fruchtbaren und zum Teil sehr tonhaltigen Boden.
Die Wische liegt tiefer als der mittlere Hochwasserspiegel der Elbe und daher fließt der Aland bei Elbhochwasser rückwärts. Durch die Überschwemmungen ist das Land sehr fruchtbar, aber eben auch schwer. Nach stärkerem Regen lagert er sich gerne als „Wischekitt“ an den Gummistiefeln an. Und an wem der einmal klebt, wird ihn nach fester Überzeugung der Einheimischen, sein ganzes Leben nicht mehr los. Sprich, man bleibt danach sein ganzes Leben mit der Wische verbunden.
Erst nach dem Deichbau, entlang der Elbe ab dem Jahr 1150, waren die nassen und häufig überfluteten „Wiesen“ dann auch für den Ackerbau zu nutzen. Zur landschaftlichen Prägung der Wische trug allerdings auch die „Wischeaktion“ bei.
Der Wische-Verein hat sich die Aufrechterhaltung der Himmelfahrtstradition mit möglichst vielen Anlaufstationen für die Ausflügler – die sogenannten Wischepunkte – auf die Fahnen geschrieben
© Kerstin Sasse
Die Wische, eine eigenwillige Landschaft mit unverwechselbarem einprägsamen Gesicht, herb und schön, ganz zu Unrecht noch unbekannt, mit unberührter Natur.
© Kerstin Sasse
Zwischen 1958 und 1962 rückten Hundertschaften der Freien Deutsche Jugend (FDJ), der ehemaligen Jugendorganisation der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), in die Wische ein. In überwiegender Handarbeit legten sie zahlreiche Entwässerungsgräben an. Die an den Gräben gepflanzten Kopfweiden prägen noch heute neben vielen Weißdornhecken das wunderschöne Landschaftsbild. Heute ist die Wische deshalb ein 7.900 Hektar großes Landschaftsschutzgebiet in dem sich Kanu-Touren auf dem Aland oder der Elbe gerade zu anbieten. Die Wische grenzt unmittelbar an das UNESCO-Biosphärenreservat Mittelelbe. Die Region ist außerdem ein bedeutender Rückzugsort für bedrohte Tier- und Pflanzenarten.
In den knapp 40 Dörfern mit den zwei alten Hansestädten Seehausen und Werben kennt man sich noch untereinander. Man sagt den Menschen aus der Wische nach, dass es ein bisschen dauert, ehe sie mit Neuen in der Region warm werden – dann aber richtig. Die Herzlichkeit und das gemeinschaftliche Miteinander wird dabei besonders von unzähligen rührigen Heimatvereinen gelebt. Diese bereichern das Leben in der ländlich geprägten Region mit zahlreichen Aktivitäten bis hin zu großen Festen.
Wer sich selbst einen Eindruck von der wahrscheinlich höchsten Kulturdichte pro Kopf in Deutschland verschaffen will, muss unbedingt nach Werben. In der wohl kleinsten Hansestadt der Welt fühlen sich nicht nur alljährlich mehr als ein Dutzend Storchenpaare wohl, dort laden die Stadt und der Arbeitskreis Werbener Altstadt zweimal jährlich auf eine Zeitreise in die Epoche des Biedermeiers ein. Sowohl beim Biedermeier-Sommermarkt als auch beim Biedermeier-Christmarkt zu Füßen der mächtigen Johanniskirche verwandelt sich das mittelalterliche Städtchen in eine Zeit ohne Elektrizität, mit unzähligen stilecht gekleideten Bewohnern. In kleinerem Rahmen, aber mit keineswegs weniger Charme werde auch in Wanzer das Mühlenfest, in Seehausen der Kürbismarkt oder in Königsmark das Kartoffelfest gefeiert.
Ein Paradebeispiel für einen Verein ist der Wische e.V. Gegründet im Dezember 2015, liegt der Schwerpunkt des Vereins darin, die Menschen in der Region in erster Linie über die Kultur miteinander zu verbinden. Mit diesem Ziel soll die Region auch für Rückkehrer und Zuwanderer interessant bleiben. Ein fester Bestandteil ist dabei die jährliche KultourSpur. Bei dieser finden jedes Pfingstwochenende zahlreiche kulturelle Veranstaltungen in bis zu 30 Orten statt.
Weiterhin hat der Wische-Verein das Landkino aus der Taufe gehoben. Dabei wurde das Rad zwar nicht neu erfunden, aber es wird auf die positiven Erfahrungen von annodazumal gesetzt. Kinostandorte konzentrieren sich heute in größeren Städten und sind dennoch von der Konkurrenz der Heimkinos in unseren Wohnzimmern bedroht.
Immer zu Pfingsten finden zahlreiche kulturelle Veranstaltungen in bis zu 30 Orten der Wische statt.
© Kerstin Sasse
Im „Wischelädchen” bei der Familie Sasse in Rohrbeck können bunte, selbst gebaute Vogelhäuser erstanden werden.
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„Dessen ungeachtet sind wir überzeugt, ein neu belebtes Landkino in unserer Region kann Menschen wieder zusammenbringen, wenn der Austausch vor und nach dem Film in lockerer Kneipenatmosphäre wieder Lust auf mehr Miteinander macht und auch neue Treffpunkte bietet. Wichtig war uns, Interessierten eine Variante ohne wirtschaftliches Risiko und Problemen mit Verleihrechten und der GEMA anbieten zu können“, erklärt Vorstandsmitglied Kerstin Sasse. Das Wischekino mit der Wiederbelebung des klassischen Landkinos und die Aufrechterhaltung der Himmelfahrtstradition mit möglichst vielen Anlaufstationen für die Ausflügler (Wischepunkte) sind ebenfalls Ausdruck des Vereinsziels.
Das ist aber noch längst nicht alles, was sich der Verein hat einfallen lassen. Neben dem witzigen „Wische-Elefanten“ also Logo sind beispielsweise die Aktion „Blühende Wische“ und „1000 Nistkästen für interessante Vögel in der Wische“ zu erwähnen. Damit möchte der Wische e.V. nicht nur etwas für seine Vereinskasse, sondern auch für die Natur tun. Zu einem Preis von 18,50 € werden in bunten Farben und mit Einfluglöchern für Blaumeise bis Star die soliden, selbst gebauten Nistkästen angeboten.
Derzeit arbeiten die Vereinsmitglieder intensiv an einem neuen Projekt, dem „Sternenpark Altmark“. In einer dünnbesiedelten Region wie der Altmark, hält sich die Lichtverschmutzung stark in Grenzen und bietet somit als eine der dunkelsten Regionen Deutschlands durch weite Landschaften einen klaren Blick auf die Milchstraße. Um eine offizielle Zertifizierung als grenzüberschreitender Sternenpark zu erhalten, kooperiert der Wische-Verein mit dem Ökodorf Sieben Linden und es wurden bereits Anträge auf Fördermittel gestellt. Derzeit hoffen die Vereinsmitglieder auf die Bewilligung, um die Lücke zwischen Wendland und Havelland für interessierte Sternengucker zu schließen.
Mit dem Wischekino will der Verein das klassische Landkino weiderbeleben
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