Anhalt-Bitterfeld / Zerbst / Dessau
Zeitreise ins Barock: Das Residenzschloss Zerbst
Das Residenzschloss Zerbst zählte nicht nur wegen seiner gewaltigen Größe mit 205 Räumen, sondern auch dank seiner prachtvollen Ausstattung zu den bedeutendsten Barockbauten in Mitteldeutschland.
Ein Beitrag von
Anke Katte
Die Drei-Flügel-Anlage entstand während mehrerer Bauperioden von 1681 bis 1753. Namhafte Baumeister und Künstler wie Cornelis Ryckwaert, Giovanni Simonetti, Johann Christoph Schütze, Johann Friedrich Friedel und Johann Michael Hoppenhaupt d. Ä. hinterließen hier ihre Handschrift. Dass sich ein so kleines Fürstentum wie Anhalt-Zerbst ein so gewaltiges Bauprojekt und so prominente Baumeister leisten konnte, ist wahrscheinlich dem wirtschaftlichen Aufschwung nach dem Dreißigjährigen Krieg, den lukrativen Beziehungen zu Jever (von 1667 bis 1793 gehörte das Jeverland zum Fürstentum Anhalt-Zerbst) und dem geschickten Taktieren und Netzwerken von Fürst Christian August, der als königlich-preußischer Generalfeldmarschall und Gouverneur von Stettin Einfluss besaß, zu verdanken.
Unter Fürst Carl Wilhelm (1652-1718) startete das ambitionierte Vorhaben. Fürst Johann August (1677-1742) erteilte den Auftrag, einen Turm auf dem Corps des logis (Fest- und Wohntrakt) zu errichten und den Westflügel um einen Pavillon zu erweitern. Unter der Herrschaft der Fürsten Johann Ludwig (1688-1746) und Christian August (1690-1747) wurde die Vollendung des Schlossbaus mit der Errichtung des Ostflügels vorangetrieben. Der letzte Fürst von Anhalt-Zerbst, Friedrich August (1734-1793), musste aufgrund von diplomatischen Verwicklungen fliehen. Damit kamen die Arbeiten zum Erliegen, sodass das zweite Stockwerk des Ostflügels erst mit Errichtung des Schlossmuseums zwei Jahrhunderte später vollendet wurde.
Der Turm trägt bis heute den Namen „Kiekinpott“.
© Anke Katte
Außenansicht des Ostflügels.
© Anke Katte
Berühmteste Bewohnerin des Schlosses war Sophie Auguste Friederike (1729-1796), die hier als junge Prinzessin durch die Räume eilte und später als Zarin Katharina die Große in die Geschichtsbücher einging.
Doch von all dem Glanz und Gloria ist nach dem Bombardement im April 1945 kaum etwas übriggeblieben. Das Schloss wurde schwer getroffen und brannte aus. Was Bomben, Flammen und Plünderungen nicht zerstört hatten, wurde von 1948 bis 1952 nach einer politisch motivierten Entscheidung weggesprengt. Nur der Ostflügel und ein Fünftel des Haupttraktes entgingen demselben Schicksal, nachdem der damalige Landeskonservator Dr. Schubert sein Veto eingelegt hatte. Danach fiel die Schlossruine in einen Dornröschenschlaf. Wettereinflüsse und Vandalismus setzen dem kulturhistorisch wertvollen Mauerwerk zu.
Dass man heute wieder den Ostflügel im Rahmen von Führungen betreten und dabei ein Stück der Schlossgeschichte anschaulich erleben kann, ist dem engagierten Wirken des Fördervereins Schloss Zerbst e. V. zu verdanken. Seit 2003 kümmert sich der Verein mit Hilfe von Fördermitteln sowie Leidenschaft und kreativen Ideen um den Erhalt des Bauwerks. Eine wahre Mammutaufgabe. Vereinsvorsitzender Dirk Herrmann kennt die Schlossgeschichte und seine einstigen Bewohner wie kein Zweiter. Schon als Kind war er von der Schlossruine fasziniert. Als Jugendlicher baute er ein Modell, welches das Zerbster Schloss in seiner einstigen Größe zeigt und das heute in der Ausstellung zu sehen ist.
54 Ausstellungsräume gibt es und für jeden ein eigenes Konzept. Aber was zeigt man in einem Schloss, von dessen Ausstattung nichts mehr vorhanden ist? Der Besucher wird überrascht von der Größe der Räume, die dank Faksimile von Gemälden, Leuchtern und ausgewählten Möbelstücken aus der Zeit und Nachbauten einen Eindruck von der einstigen Pracht vermitteln.
Gemeinsam mit der WelterbeRegion konnte ein Augmented Reality-Projekt für drei Räume mit Hilfe von historischen Bildquellen umgesetzt werden. Ein Audienzzimmer, das Schreibkabinett und das Blaue Kabinett können per Tablet in ihrer früheren Schönheit bewundert werden.
Weit über Zerbst hinaus beliebt sind die Veranstaltungen in der Eingangshalle, egal ob Konzert, Lesung, Kabarett oder Weinabend. Viele Paare geben sich in dieser besonderen Kulisse das Ja-Wort.
Im Juni 2026 wurden Schloss, Schlossgarten und Wallpromenade in das landesweite Gartenträume-Projekt aufgenommen.
Blick in ein Schlafzimmer mit dem Nachbau eines französischen Betts.
© Anke Katte
Dank Augmentet-Reality kann man sich in einigen Räumen einen Eindruck von der früheren Ausstattung verschaffen.
© Anke Katte
Die Sage vom „Kiekinpott“
Wenn es um den „Kiekinpott“, einen imposanten Turm der Stadtmauer und der damit verbundenen Sage geht, müssen wir in der Geschichte der Stadt Zerbst um einige Jahrhunderte zurück gehen. Im 14. Jahrhundert ließen Zerbster Bürger den heute noch existierenden Turm als Ausdruck ihrer Wehrhaftigkeit in unmittelbarer Nähe der damaligen Burg errichten. Strategisch hatte das Bauwerk keinerlei Bedeutung, aber der Fürst und seine Gefolgsleute fühlten sich beobachtet. Die Turmwachen konnten das Burggelände und seine Zugänge genau einsehen und kontrollieren. Es kam zum Streit mit dem erstarkenden Bürgertum und einer gerichtlichen Auseinandersetzung. Die Stadt musste 900 Mark Silber an den Fürsten zahlen. Außerdem wurde vereinbart, dass sich im Turm keine Fenster oder Erker in Richtung Osten befinden dürfen und dass er nicht – wie ursprünglich geplant – höher gebaut werden durfte.
Der Turm, ursprünglich als „Turm hinter dem Hofe der Gruban“ bezeichnet, erhielt von den Zerbstern den Spottnamen „Kik in dy Koken“ (später „Kiekinpott“), was „Sieh in die Küche“ bedeutet. Dieser Name hat sich bis heute erhalten. Tatsächlich konnte man von dort jedoch nicht in die fürstliche Küche sehen, da diese zu weit entfernt lag. Die damalige Burganlage befand sich an der Stelle des späteren Barockschlosses.
Das Schloss liegt im Schlossgarten mitten in der Stadt Zerbst. Der Hauptzugang erfolgt von der Schlossfreiheit aus.
Öffnungszeiten: Von Mitte April bis Mitte Oktober, jeweils Dienstag bis Samstag von 11 bis 12 Uhr und von 13 bis 17 Uhr (letzter Einlass: 11.30 Uhr bzw. 16.30 Uhr). Einlass zur halben und vollen Stunde. Der Zugang erfolgt ausschließlich im Rahmen von Führungen und begleiteten Rundgängen.
2026 ist das Zerbster Schloss bis 24. Oktober geöffnet.
Förderverein Schloss Zerbst e. V.
Telefon: 03923 6690285
E-Mail: info@schloss-zerbst-ev.de