Mansfeld Südharz

Eine Bühne für alle Sinne

Im AndersWeltTheater in Stolberg werden Bühne, Küche und Gastfreundschaft eins. Christiane und Mario Jantosch erzählen, wie aus einer Idee ein besonderer Kulturort im Südharz wurde.

© AndersWelt Theater

Ein Beitrag von
Katrin Wedekind

Wo Theater und Küche zusammengehören

Wenn Christiane und Mario Jantosch an einem Vorstellungsabend ihre Gäste begrüßen, liegt bereits ein langer Arbeitstag hinter ihnen. Sie haben eingekauft, gekocht, Tische gedeckt, Reservierungen bearbeitet und letzte organisatorische Fragen geklärt. Kurz darauf wechseln sie die Kleidung, gehen eine Etage höher und stehen auf der Bühne. Nach dem ersten Teil folgt wieder der Gang in die Küche, dann werden die nächsten Speisen serviert – und anschließend geht das Theater weiter.

Im AndersWeltTheater in Stolberg gehören Kunst, Kulinarik und persönliche Gastfreundschaft untrennbar zusammen. Das Haus bietet nur rund 40 Plätze. Gerade diese überschaubare Größe macht seinen Reiz aus. Das Publikum sitzt nah an den Darstellern, erlebt Schauspiel, Literatur und Musik unmittelbar und kommt häufig auch mit den Künstlern ins Gespräch.

© AndersWelt Theater

© AndersWelt Theater

„Wir machen eigentlich alles selbst“, erzählen Christiane und Mario Jantosch. Dazu gehören nicht nur Kochen, Service und Schauspiel, sondern ebenso Buchhaltung, Werbung, Spielplangestaltung, Kartenreservierungen und die Entwicklung neuer Programme. Vieles geschieht am heimischen Schreibtisch, anderes zwischen Küche, Gastraum und Bühne. Ein klassischer Arbeitstag lässt sich dabei kaum beschreiben. Jeder Tag richtet sich nach den kommenden Vorstellungen, den Buchungen und den vielen Aufgaben, die ein kleines freies Theater am Leben halten.

Die Geschichte des Hauses begann eher zufällig. Ein Gastronom hatte das Künstlerpaar gebeten, ein Halloween-Programm in seinem Restaurant zu spielen. Er kochte, die Jantoschs standen mit ihren „Geschichten aus der Gruft“ auf der Bühne. Dabei entstand die Idee, Theater und Essen dauerhaft miteinander zu verbinden. Als das zunächst ins Auge gefasste Lokal nicht mehr zur Verfügung stand, führte ein Makler sie zu einem anderen Gebäude: einem Haus mit gastronomischen Räumen im Erdgeschoss und einer separaten Etage für das Theater.

„Als wir das Haus sahen, war der Ideentopf sofort am Überkochen“, erinnert sich das Paar. 2011 eröffneten sie hier ihr festes Theater. Aus der zuvor reisenden freien Bühne wurde ein Kulturort mit eigener Adresse.

Ein Leben für die Bühne

Beide Jantoschs kommen aus dem Theater. Christiane studierte Gesang an der Musikhochschule Leipzig und arbeitete später als Sängerin. Mario war unter anderem Musikdramaturg am Theater Nordhausen und 14 Jahre lang Intendant des Harzer Bergtheaters in Thale. In Nordhausen lernten sie sich kennen. Seit fast vier Jahrzehnten sind sie verheiratet, haben 5 Kinder und seit vielen Jahren nicht nur privat, sondern auch beruflich nahezu täglich zusammen.

Dass das funktioniert, liegt für sie an der gemeinsamen Leidenschaft. Beide wussten von Anfang an, worauf sie sich einließen, Wochenendarbeit, wechselnde Projekte, unsichere Einnahmen und wenig klar abgegrenzte Freizeit. Das Künstlerleben sei oft anstrengend, sagen sie. Man müsse vielseitig aufgestellt sein und immer wieder neue Wege finden. Gleichzeitig hätten sie durch ihre Arbeit viele besondere Menschen kennengelernt und Erfahrungen gesammelt, von denen sie bis heute zehrten und zehren.

Zum eigenen Repertoire gehören literarisch-musikalische Abende über Persönlichkeiten wie Wilhelm Busch, Joachim Ringelnatz, Heinrich Zille oder Hildegard Knef. Hinzu kommen Programme über die Liebe, italienische Abende, Märchenessen für Kinder sowie Kabarett, Konzerte und internationale Gastspiele. Die Speisen werden jeweils passend zum Thema des Abends ausgewählt. Aktuell arbeiten die Jantoschs außerdem mit einer neuen Pianistin, Nivia Hillerin, an einem Programm, das durch die Geschichte des Musicals führen soll.

Frischer künstlerischer Austausch ist ihnen wichtig. Regelmäßig laden sie Kabarettisten, Singer-Songwriter und andere Gäste nach Stolberg ein. Manche Künstler hätten hier während ihrer ersten Deutschlandtourneen gespielt und später größere Bekanntheit erlangt. Für viele sei das kleine Theater ein besonderer Ort, beinahe wie ein Club, persönlich, konzentriert und nah am Publikum.

Auch außerhalb des Hauses engagiert sich das Paar. Auf der Waldbühne Stolberg realisierten die Jantoschs große Gemeinschaftsprojekte, an denen Kinder, junge Darsteller, Menschen mit Behinderung sowie professionelle und ehrenamtliche Mitwirkende beteiligt waren. Damit reicht ihre Arbeit weit über den eigenen Spielbetrieb hinaus. Das AndersWeltTheater ist heute ein wichtiger kultureller Ankerpunkt für Stolberg und den Südharz.

© AndersWelt Theater

Zwischen Idealismus und leer gebliebenen Stühlen

Trotz aller Erfolge bleibt der Betrieb ein tägliches Wagnis. Manche Vorstellungen sind ausverkauft, an anderen Tagen kommen nur wenige Reservierungen. Gerade in Ferienzeiten schwankt die Nachfrage stark. Dann stellt sich die schwierige Frage, ob eine Aufführung mit wenigen Gästen stattfinden kann oder abgesagt werden muss.

Die Folgen der Corona-Jahre seien weiterhin zu spüren, sagen die Jantoschs. Viele Menschen hätten sich daran gewöhnt, zu Hause zu bleiben. Theater- und Kulturbesuche würden heute kurzfristiger geplant. Für ein kleines Haus ohne großes finanzielles Polster ist das eine Herausforderung.

Aufgeben kommt für Christiane und Mario Jantosch dennoch nicht infrage. Zu viele Ideen warten darauf, verwirklicht zu werden. Zwischen Buchhaltung, Küche, Proben und Spielplan entstehen neue Programme, werden Kostüme hervorgeholt und Gäste eingeladen. Und wenn am Abend die ersten Besucher eintreten, verwandelt sich das kleine Haus am Stolberger Markt erneut in eine andere Welt, eine Welt mit vielen Geschichten, Musik, gemeinsamer Mahlzeiten und unmittelbarer Begegnungen.

© KI generiert

AndersWeltTheater in Stolberg

Betreiber: Christiane und Mario Jantosch

Adresse: Am Markt 2, 06536 Südharz, Ortsteil Stolberg

Angebot: Schauspiel, Musik, Kabarett, Lesungen, Gastspiele und kulinarische Themenabende

Kapazität: regulär etwa 40 Plätze

Besonderheit: Auf viele Programme abgestimmte Menüs, serviert von den Künstlern selbst

Reservierung und Spielplan:
Telefon: 034654 10550