Anhalt-Bitterfeld / Zerbst / Dessau
Auf Streife im Auenwald
Seit 26 Jahren streift Ranger Axel Zehle durch den Steckby-Lödderitzer Forst. Zwischen Auenwald, Elbe und Heide erlebt er täglich, warum dieses Gebiet zu den wertvollsten Naturlandschaften Deutschlands zählt.
Ein Beitrag von
Torsten Waschinski
Wenn Axel Zehle durch den Steckby-Lödderitzer Forst fährt, entgeht ihm kaum etwas. Ein abgestorbener Baum, eine seltene Pflanze am Wegesrand oder die Spuren eines Käfers in einer alten Eiche erzählen für den Ranger ihre eigene Geschichte. Der 61-Jährige kennt die Elbauen wie kaum ein anderer. Seit 26 Jahren arbeitet der gelernte Forstwirt im Biosphärenreservat Mittelelbe und erlebt die Veränderungen dieser besonderen Landschaft aus nächster Nähe.
Der Steckby-Lödderitzer Forst ist eng mit der Geschichte des Naturschutzes an der Elbe verbunden. Zwar existiert der Auenwald zu beiden Seiten der Elbe heute nicht mehr als eigenständiges Naturschutzgebiet. Er ging 2018 im Naturschutzgebiet „Mittelelbe zwischen Mulde und Saale“ auf. Seine historische Bedeutung blieb dennoch bestehen: Der Forst auf seinerzeit rund 3.800 ha gilt als Ursprungsgebiet des heutigen Biosphärenreservates Mittelelbe und ist zugleich ein zentraler Bestandteil des europäischen Vogelschutzgebietes „Mittlere Elbe einschließlich Steckby-Lödderitzer Forst“.
Seit 26 Jahren im Einsatz für die Elbauen: Ranger Axel Zehle beobachtet im Steckby-Lödderitzer Forst die Entwicklung von Arten und Lebensräumen.
© Torsten Waschinski
Die Elbe prägt seit Jahrhunderten die Landschaft im Biosphärenreservat Mittelelbe. Hochwasser schaffen hier die Grundlage für artenreiche Auenlebensräume.
© Torsten Waschinski
Die Landschaft entlang der Elbe wird seit Jahrhunderten von Altwässern, Feuchtwiesen und ausgedehnten Auenwäldern geprägt. Mehr als 1.500 Stand- und Fließgewässer sorgen für eine außergewöhnliche Artenvielfalt. Herzstück des Gebietes sind die Hartholzauen mit ihren Stieleichen, Eschen sowie Flatter- und Feldulmen. Sie bilden den größten zusammenhängenden Auenwaldkomplex Mitteleuropas. Daneben prägen Röhrichte, Weichholzauen und Grünlandflächen das Bild. Nur wenige Kilometer entfernt beginnt bereits die trockene Steckbyer Heide mit ihren Kiefernwäldern. Bereits seit 1979 ist das Areal als UNESCO-Biosphärenreservat ausgewiesen.
Für Axel Zehle ist diese Vielfalt täglicher Arbeitsplatz. Er kartiert Tier- und Pflanzenarten, dokumentiert Veränderungen und arbeitet mit Landwirten, Jägern und Behörden zusammen. Oft geht es dabei um unscheinbare Details. So bleiben auf manchen Wiesen kleine Bereiche bewusst ungemäht, damit seltene Pflanzen wie die Sibirische Schwertlilie ausreichend Zeit haben, Samen auszubilden.
Die Bedeutung des Gebietes zeigt sich besonders in seiner Vogelwelt. Mehr als 130 Brutvogelarten wurden hier nachgewiesen. Fischadler, Rotmilan, Schwarzmilan, Seeadler und Rohrweihe finden entlang der Elbe geeignete Lebensräume. In den alten Auenwäldern leben Schwarzstorch, Kranich sowie Grau-, Schwarz- und Mittelspecht. Röhrichte und Feuchtgebiete bieten Rohrdommel, Zwergdommel und Blaukehlchen ideale Brutplätze.
Auch während des Vogelzuges spielt die Elbaue eine wichtige Rolle. Regelmäßig rasten hier mehr als 20.000 Wasservögel. Besonders die Saatgans erreicht bemerkenswerte Bestände. Hinzu kommen Krickenten, Reiherenten, Schellenten und Gänsesäger.
Nicht nur die großen Tiere faszinieren den Ranger. Ein besonderes Augenmerk richtet er auf den Eichenheldbock, einen der größten Käfer Deutschlands. Seine Larven entwickeln sich über mehrere Jahre in alten Eichen. Abgestorbene Bäume sind deshalb keineswegs tot oder wertlos. Vielmehr bieten sie zahlreichen Insektenarten Lebensraum und gehören zu den natürlichen Kreisläufen des Waldes.
Gleichzeitig erlebt Zehle die Folgen trockener Jahre. Früher gehörten regelmäßige Hochwasser zum natürlichen Rhythmus in der Elbaue. Heute treten sie deutlich seltener auf. Viele Bäume leiden unter sinkenden Grundwasserständen. Für das empfindliche Ökosystem bleiben Überschwemmungen dennoch unverzichtbar, weil sie Nährstoffe in die Landschaft bringen und den Lebensraum vieler Arten sichern.
Neben seiner Arbeit im Gelände engagiert sich der Ranger seit vielen Jahren in der Umweltbildung. Im Junior-Ranger-Programm bringt er Kindern die Natur vor ihrer Haustür näher. Dabei zeigt sich immer wieder, wie schnell Begeisterung entsteht, wenn junge Menschen Tiere, Pflanzen und Landschaften unmittelbar erleben.
So steht der Steckby-Lödderitzer Forst nicht nur für seltene Vogelarten und wertvolle Auenwälder. Er ist auch ein Symbol für den gelingenden Naturschutz an der Elbe. Menschen wie Axel Zehle tragen dazu bei, dass dieses einzigartige Naturerbe erhalten bleibt und auch künftige Generationen die besondere Vielfalt und Schönheit der Elbauen erleben können.
Deutlich sichtbar sind die Fraßspuren des Eichenheldbocks an dieser abgestorbenen Eiche. Der seltene Käfer entwickelt sich über mehrere Jahre im Holz alter Bäume.
© Torsten Waschinski
Natur erleben
Wander- und Radwege führen durch Auenwald, Elbwiesen und die Steckbyer Heide. Informationen zu Touren und Veranstaltungen gibt es beim Biosphärenreservat Mittelelbe.
Junior-Ranger
Im Junior-Ranger-Programm, getragen durch den Dachverband der Nationalparke, Naturparke, Biosphärenreservate und Wildnisgebiete Nationale Naturlandschaften e. V., entdecken Kinder die Natur mit Ranger Axel Zehle und seinen Kollegen. Themen sind unter anderem (Auen-)Wald, Wasser, Biber und Vogelwelt.
Kontakt: Biosphärenreservatsverwaltung Mittelelbe
Telefon: 034904-4210
E-Mail: poststelle-orb@biores.mwu.sachsen-anhalt.de
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